Sonntag, 2. Juli 2017

Gandersheimer Domfestspiele: „Saturday Night Fever“

„Saturday Night Fever“ – nach dem gleichnamigen Tanzfilm von John Badham (1977) mit John Travolta in der Hauptrolle; Musik, Liedtexte: Bee Gees; Buch: Nan Knighton, Arlene Phillips, Paul Nicholas, Robert Stigwood; Inszenierung, Choreografie: Marc Bollmeyer; Ausstattung: Bernhard Niechotz; Dramaturgie: Jennifer Traum, Hanns-Dietrich Schmidt; Musikalische Leitung: Ferdinand von Seebach. Darsteller: Lucas Baier (Tony Manero), Julia Lißel (Stephanie Mangano), Felicitas Heyerick (Annette), Philipp Nowicki (Joey), Denis M. Rudisch (Double J), Stephan Luethy (Bobby C), Fehmi Göklü (Monty/Mr. Fusco), Marco Luca Castelli (Frank Manero), Susanna Panzner (Flo Manero), Jan Kämmerer (Frank Manero Jr.), Florentine Kühne (Linda Manero/Connie), Stefano Marletta (Cesar Rodriguez), Maria Moncheva (Maria Huerta), David Schuler, Christina Baufeldt, Josephine Braun, Imke Bullwinkel, Annika Beushausen, Julia Lormis, Hermann Meyer, Anna Lina Neupert, Lea Pflug, Lina Alice Polten, Annika Rose, Alina Schulze. Band: Ferdinand von Seebach (Keyboard 1), Michael Siskov (Keyboard 2), István Szarka (Trompete), Christian Kohlhaas (Posaune), Frank Conrad, Klaus Händel (Saxophon), Martin Werner (Gitarre), Hans-Dieter Lorenz (Bass), Stephan Genze (Drums). Uraufführung: 5. Mai 1998, London Palladium, London. Deutsche Erstaufführung: 11. September 1999, Musical Dome, Köln. Broadway Premiere: 21. Oktober 1999, Minskoff Theatre, New York City. Premiere: 23. Juni 2017, Gandersheimer Domfestspiele, Bad Gandersheim. Besuchte Vorstellung: 30. Juni 2017.



„Saturday Night Fever“


Disko-Fieber vor der Gandersheimer Stiftskirche


„Saturday Night Fever“ von John Badham mit John Travolta als Tony Manero und der Musik der Bee Gees kam 1977 in die Kinos und löste weltweit eine Disco-Welle aus. John Travolta, der für die Rolle des Tony Manero für einen Oscar als Bester Hauptdarsteller nominiert war, wurde mit „Saturday Night Fever“ (1977) und „Grease“ (1978) zu einem der größten Stars Hollywoods. Das auf dem Film und dem im Jahr 1976 im New York Magazine erschienenen Artikel „Tribal Rites of the New Saturday Night“ des britischen Musikjournalisten Nik Cohn basierende Musical feierte am 5. Mai 1998 am London Palladium mit Adam Garcia als Tony Manero und Anita Louise Combe as Stephanie Mangano Uraufführung und kam am 11. September 1999 mit Michael Rouse (Tony Manero) und Karin Seyfried (Stephanie Mangano) im Musical Dome Köln zur deutschen Erstaufführung. Im vergangenen Jahr zeigten die Freilichtspiele Tecklenburg das Musical mit Alexander Klaws (Tony Manero) und Nadja Scheiwiller (Stephanie Mangano) in den Hauptrollen, in diesem Sommer wird es neben den 59. Gandersheimer Domfestspielen auch auf der Walensee-Bühne zu sehen sein.

Lucas Baier (Tony Manero), Ensemble. Foto: Rudolf A. Hillebrecht. © Gandersheimer Domfestspiele

Der junge Tony Manero arbeitet in einem Farbengeschäft in Brooklyn. Seine wahre Leidenschaft ist jedoch das Tanzen. Sein streng katholisches Elternhaus engt ihn ein, es gibt ständig Streit. Sehnsüchtig wartet er auf die Samstagabende, an denen er sich mit seinen Freunden in der Diskothek zum Tanzen trifft. Er beschließt, am jährlichen großen Universal Disko Dance-Wettbewerb teilzunehmen. Am liebsten mit Stephanie, in die er sich unsterblich verliebt hat. Tony blitzt bei ihr aber ebenso ab wie Annette bei ihm, die nicht nur mit ihm tanzen möchte. Während sein Freund Bobby C damit überfordert ist, dass seine Freundin von ihm ein Kind erwartet und er keine Perspektive für sich und die junge Familie sieht, hat Tony nur noch Augen und Ohren für den Tanzwettbewerb und Stephanie. Doch er kündigt nicht etwa seinen Job, weil ihm sein Chef keinen freien Tag zum Üben gewährt, sondern nach der vergeblichen Bitte um einen freien Nachmittag, um Stephanie beim Umzug helfen zu können. Als er und Stephanie schließlich den Tanzwettbewerb gewinnen, hat Tony den Eindruck, dass ein anderes Tanzpaar nur wegen seiner Herkunft nicht gewonnen hat, und übergibt diesem den Pokal und das Preisgeld, woraufhin es zum Streit mit Stephanie kommt. Im weiteren Verlauf der Nacht turnen Tony und seine Freunde noch auf der Verrazano-Narrows Bridge herum, und als Bobby C ihnen beweisen will, dass er kein Feigling ist, rutscht er aus und stürzt zu Tode. Am nächsten Vormittag trifft Tony Stephanie wieder und beide versprechen sich, von nun an gute Freunde zu sein.

Julia Lißel (Stephanie Mangano) und Lucas Baier (Tony Manero). Foto: Rudolf A. Hillebrecht. © Gandersheimer Domfestspiele

Das Musical stellt verschiedene Lebensmaxime und Perspektiven gegeneinander. Die Passage „Life’s going nowhere, somebody help me“ aus dem Song „Stayin’ alive“ kann man als Hilferuf aller desillusionierten jungen Menschen interpretieren, muss man aber nicht, denn die Songs passen nicht unbedingt zur Handlung. Die Behauptung Tonys und Stephanies, sie wollten gute Freunde bleiben, wird dadurch in Frage gestellt, dass sie am Schluss den Song „How Deep Is Your Love?“ gemeinsam singen, eine eindeutige Liebeserklärung. Noch während Lucas Baier und Julia Lißel von der Bühne abgehen, treten wieder die Tänzerinnen auf… Aber nein, tatsächlich ist auch in Bad Gandersheim das Musical mit der gesungenen Liebeserklärung von Tony und Stephanie zu Ende, Regisseur und Choreograf Marc Bollmeyer (Choreografie zu „Highway to Hellas“, „Die drei Musketiere“, „Jesus Christ Superstar“) hat es lediglich versäumt, einen deutlichen Cut zu setzen, so dass Handlung und Applausordnung nahtlos ineinander übergehen. Gleiches gilt für Tonys Solo „Immortality“, das nahtlos in Annettes angedeutete Vergewaltigung übergeht, mehr noch, bereits während des Songs lenkt das Geschehen am rechten Zuschauerrand von Lucas Baier auf der Bühne ab.

Lucas Baier (Tony Manero), Ensemble. Foto: Rudolf A. Hillebrecht. © Gandersheimer Domfestspiele

Gekennzeichnet durch sparsam eingesetzte Requisiten und nur angedeutete Spielorte, vollzieht sich die Handlung flüssig und – teilweise auch inmitten der Zuschauer. Eine etwa 2,5 Meter messende dreh- und teilbare Discokugel ist der Mittelpunkt der Bühne. Zumeist reichen etwa ein paar von den Darstellern hereingetragene Stühle oder etwa ein paar Kartons, um rasche Szenenwechsel zu ermöglichen. Der Fokus liegt hier sicherlich nicht auf grellbuntem Discoambiente mit flackernden Lichteffekten. Einzig der LED Tanzboden, ein paar Schilder, ein Portrait und ein paar Gerüste sind weitere Ausstattungselemente (Ausstattung: Bernhard Niechotz). Umso mehr hängt das Stück an Darstellern und Kostümen. Mit schwungvollen Choreografien und ausgefeilten Tanznummern wissen die Akteure auch mit sparsamen Mitteln Discoflair zu erzeugen.

Julia Lißel (Stephanie Mangano) und Lucas Baier (Tony Manero). Foto: Rudolf A. Hillebrecht. © Gandersheimer Domfestspiele

Das 25-köpfige Ensemble wird von Lucas Baier (Tony Manero) und Julia Lißel (Stephanie Mangano) angeführt. Lucas Baier, Absolvent der Stage School Hamburg 2014 („Rocky – Das Musical“, Regie Alex Timbers; Robbie Gould, Cover Johnny Castle in „Dirty Dancing – Das Original live on Tour“, Regie Sarah Tipple) ist in der Hauptrolle ein Opinionleader, seine Welt ist der Tanz und das Posen (mit viel Körpereinsatz und gut definiertem Körper samt Sixpack), was ihm gleichzeitig die Bewunderung seiner Freunde als auch genügend weibliche Anhängerinnen einbringt. Er genießt seine Rolle, Anerkennung und Erfolg sind ihm gewiss. Indem er sich nach der perfekten Tanzpartnerin umsieht, strebt er danach, den Tanzwettbewerb zu gewinnen. Als er Stephanie Mangano zum ersten Mal tanzen sieht, ist er sofort sehr interessiert an ihr. Allerdings weist sie ihn zurück und Tony – gewohnt, stets leichtes Spiel zu haben – gerät hier an seine Grenzen. Folkwang Alumna Julia Lißel (Maria Magdalena in „Jesus Christ Superstar“, Regie Achim Lenz; Betty Schaefer in „Sunset Boulevard“, Regie Gil Mehmert; Amneris in „Aida – Das Musical“, Regie Achim Lenz) zieht als sehr zielstrebiges und zickiges Mädchen geschickt die Fäden und fordert ihn heraus. Sie will allenfalls mit ihn tanzen und wehrt alle Annährungsversuche energisch ab.

Lucas Baier (Tony Manero) und Julia Lißel (Stephanie Mangano), Ensemble. Foto: Rudolf A. Hillebrecht. © Gandersheimer Domfestspiele

Die Aufführung lebt zwischen den Tanznummern zum großen Teil von der Interaktion der beiden Hauptcharaktere. Vielleicht steht für die Regie auch die Geschichte im Vordergrund? Die durch den Film weltbekannten Songs klingen in Bad Gandersheim nicht typisch nach Bee Gees, sie sind neu arrangiert und repräsentieren nicht unbedingt den typischen Sound der späten 1970er-Jahre. Auch die Kostüme spielen nicht alle Klischees der 70er aus, während Fehmi Göklü als DJ Monty den typischen grellen Afrolook trägt, könnte das Outfit mancher Tänzer auch genauso gut aus den1980er-Jahren stammen. Auch die Tanzschritte, die Lucas Baier und Julia Lißel im Paartanz bis in alle Hebefiguren gekonnt abliefern, entstammen nicht zwingend der Discoära. Auch wenn neben den Profis acht Tänzerinnen aus dem Tanzstudio Kerstin Baufeldt in Katlenburg recht ansehnlich auf der Bühne agieren, hat man in Bad Gandersheim womöglich kein drittes Tanzpaar für den Tanzwettbewerb gefunden oder wollte gar keines finden. In der deutschen Erstaufführung waren neben Tony/Stephanie und Cesar/Maria auch noch Chester Brinson und Shirley Charles als Wettbewerbs­teilnehmer zu sehen.

Stefano Marletta (Cesar Rodriguez) und Maria Moncheva (Maria Huerta), Ensemble. Foto: Rudolf A. Hillebrecht. © Gandersheimer Domfestspiele

„Saturday Night Fever“ stößt beim Publikum auf ausgesprochen positive Resonanz. Aufgrund der guten Verkaufszahlen wurde eine zusätzliche Vorstellung am 9. Juli 2017 um 20 Uhr in den Spielplan der 59. Gandersheimer Domfestspiele aufgenommen.

Lucas Baier (Tony Manero), Ensemble. Foto: Rudolf A. Hillebrecht. © Gandersheimer Domfestspiele

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