Sonntag, 12. März 2017

„Linie 1“ am Musiktheater im Revier

„Linie 1“ – Musik: Birger Heymann und die Rockband No Ticket; Liedtexte, Buch: Volker Ludwig; Regie: Carsten Kirchmeier; Choreografie: Paul Kribbe; Bühne: Katrin Hieronimus; Kostüme: Teresa Grosser; Licht: Mariella von Vequel-Westernach; Ton: Dirk Lansing; Dramaturgie: Anna Grundmeier; Musikalische Leitung: Heribert Feckler. Darsteller: Jeanette Claßen (Maria, Risi u. a.), Jacoub Eisa (Junge im Mantel, Mondo u. a.), Annika Firley (Bisi, Lumpi, Sängerin u. a.), Yvonne Forster (Das Mädchen), Edward Lee (Johnnie, Referent Zielinski, Witwe Lotti u. a.), Joachim Gabriel Maaß (Hermann, Mücke, Witwe Martha, Beziehungspartner u. a.), Benjamin Oeser (Bambi, Witwe Agathe u. a.), Christa Platzer (Buletten-Trude, Lola, Rentnerin u. a.), Gudrun Schade/Heike Schmitz (Frau, Lady, Rita, Sie, Türkin u. a.), Sebastian Schiller (Erich, Kleister, Sänger u. a.), Anke Sieloff (U-Bahn-Ansage), Dirk Weiler (Chantal, Dieter, Schlucki, Witwe Kriemhild u. a.). „United Rock Orchestra“: Heribert Feckler (Keyboard), Jürgen Pfeiffer (Schlagzeug), Gero Gellert (Bass), Gabriel Perez/Martin Schäfer (Saxophon), Klaus Bittner/Florian Zenker (Gitarre). Uraufführung: 30. April 1986, Grips-Theater, Berlin. Premiere: 11. März 2017, Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen.



„Linie 1“


Haste mal ’ne Mark?


Dirk Weiler (Chantal) und Christa Platzer (Buletten-Trude). Foto: Pedro Malinowski

Wer kennt nicht die Berliner U-Bahn-Linie 1, die für das erfolgreichste Musical am Grips-Theater Pate stand. Das Musical von Birger Heymann und der Rockband No Ticket (Musik) sowie Volker Ludwig (Liedtexte, Buch) erzählt von einem jungen Mädchen aus der westdeutschen Provinz, das von zu Hause ausreißt und ins geteilte Berlin des Jahres 1986 kommt, um hier den Rock-Musiker Johnnie zu treffen, in den es sich bei einem Konzert verliebt hat und von dem es womöglich schwanger ist. Auf einer U-Bahn-Fahrt zwischen Bahnhof Zoo und Schlesisches Tor im Bezirk Kreuzberg begegnet das Mädchen allen möglichen Gestalten aus dem Berliner Milieu, doch von ihrer Zufallsbekanntschaft Bambi erfährt sie, dass die Kreuzberger Adresse, die Johnnie ihr gegeben hat, überhaupt nicht existiert. Bambi verspricht dem Mädchen, Johnnie für sie ausfindig zu machen, und tatsächlich kommt es in der Wartehalle vom Bahnhof Zoo zu einem Wiedersehen mit überraschenden Wendungen…

Yvonne Forster (Das Mädchen) und Joachim Gabriel Maaß (Hermann). Foto: Pedro Malinowski

Auch mehr als 30 Jahre nach der Uraufführung am 30. April 1986 wird „Linie 1“ noch immer am Grips-Theater in Berlin gespielt, also länger als „Starlight Express“ in Bochum, nur eben nicht en suite, sondern im Repertoire. Bereits im Interview hatte Regisseur Carsten Kirchmeier unumwunden zugegeben, dass er die Filmversion gegenüber der Bühnenfassung „gelungener“ finde, da sie mehr Tempo habe als das Original am Grips-Theater. Dementsprechend hat er bei seiner Inszenierung auf die Verfilmung aus dem Jahre 1988 zurückgegriffen, die Kabarett-Revue bis auf sechs Minuten auf die Filmlänge von 99 Minuten zusammengestrichen und einen „knackigen“ Einakter daraus gemacht. Die Verfilmung des Musicals „Linie 1“ live on Stage – wenn man so will. Zu der Verfilmung von Reinhard Hauff heißt es übrigens im Lexikon des internationalen Films: „Die dramaturgisch holprige Aneinanderreihung von Sketchen, Musik- und Tanznummern führt zu keiner geschlossenen Geschichte und verschenkt auch die satirische Schärfe der Vorlage.“

Annika Firley, Yvonne Forster, Sebastian Schiller und Jeanette Claßen. Foto: Pedro Malinowski

Tatsächlich entdeckt man sehr viel mehr Gemeinsamkeiten mit der Verfilmung als mit der Bühnenfassung. In der Original-Inszenierung der Bühnenversion kommt das Mädchen, dessen Namen im Verlauf des Stückes nie erwähnt wird, am Schluss mit dem schüchternen Jungen im Mantel zusammen, der ihr in der U-Bahn gefolgt war. Im Film heißt das Mädchen „Sunnie“, die am Ende ihr Herz an Kleister verliert. Auch in der Gelsenkirchener Produktion stellt sich das Mädchen Bambi als „Sunnie“ vor, der Schluss unterscheidet sich aber sowohl von der Verfilmung als auch von der Original-Inszenierung der Bühnenfassung, hier wird dem Zuschauer das für das Grips Theater obligatorische Happy End versagt. Von den Songs der Bühnenfassung wurden in Gelsenkirchen – wie bei der Verfilmung – einige gestrichen, dafür ist der David Bowie-Song „Heroes“ neu hinzugekommen, den Annika Firley singt und sich dabei selbst auf der Gitarre begleitet. Der 1977 erschienene Song handelt zwar von zwei Liebenden, die im Schatten der Berliner Mauer zusammenkommen, dennoch frage ich mich, was ein englischer Song aus dem Jahre 1977 in einem deutschsprachigen Musical aus dem Jahr 1986 zu suchen hat.

„Wilmersdorfer Witwen“: Benjamin Oeser (Witwe Agathe), Joachim Gabriel Maaß (Witwe Martha), Dirk Weiler (Witwe Kriemhild) und Edward Lee (Witwe Lotti). Foto: Pedro Malinowski

Architektin Katrin Hieronimus hat in großen, auf Rollen beweglichen Großbuchstaben das Wort EXIT auf die Bühne gestellt, „ich will hier raus“. Im Inneren dieser Großbuchstaben befinden sich LED-Röhren, deren Farbton sich bekanntlich durch eine Steuerspannung beliebig verändern lässt und die man damit auch für eine kunterbunte Lightshow verwenden kann (Licht: Mariella von Vequel-Westernach). Kostümbildnerin Teresa Grosser lässt die DarstellerInnen im zeitgemäßen Look der 1980er-Jahre auf der Bühne agieren, knöchelhohe Turnschuhe, Schulterpolster, Sunnies Jeansjacke ist mit Buttons übersät, was heute als absolutes No-Go bezeichnet wird, war in der Mode der 1980er-Jahre cool. Da fühlt sich der ein oder andere ganz sicher in seine Jugend zurückversetzt. Paul Kribbe (Break-a-leg Productions) zeichnet für die schmissige Choreografie verantwortlich, die Musicaldarsteller, Schauspieler und Opernsänger problemlos unter einen Hut bekommt. Heribert Feckler hat die Songs für das „United Rock Orchestra“ teilweise neu arrangiert, um sie an aktuelle Hörgewohnheiten anzupassen. Die fünf Musiker (Keyboard, Schlagzeug, Gitarre, Bass und Saxophon) agieren vor einem Streifenvorhang auf einem Podest auf der linken Seite der Bühne, das auch als Auftrittsmöglichkeit von den Darstellern genutzt wird. Die Abmischung von Musikern und Gesang ist bei der Premiere ausnehmend gut ausgefallen (Ton: Dirk Lansing), eine gute Textverständlichkeit ist bei diesem Stück allerdings auch unerlässlich.

Jacoub Eisa (Junge im Mantel), Annika Firley (Bisi) und Jeanette Claßen (Maria). Foto: Pedro Malinowski

Gerade einmal elf Darsteller verkörpern die beinahe 60 Partien in der „Linie 1“, vom perspektivlosen Rentner Hermann bis zur Buletten-Trude am Bahnhof Zoo. Das bedeutet bei etwa 90 Umzügen und 105 Minuten Aufführungsdauer ziemlichen Stress neben und hinter der Bühne, aber Musicaldarsteller dürften diesbezüglich „Kummer“ gewöhnt sein, Quick Changes sind nämlich im Musical durchaus keine Seltenheit. Der jungen Musicaldarstellerin Yvonne Forster gelingt es mit Leichtigkeit, die Naivität des Mädchens aus der Provinz glaubhaft zu vermitteln, das ihrer großen Liebe Johnnie nach Berlin gefolgt ist und das in der U-Bahn in einen Strudel von Menschen gerät, die scheinbar eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen, um am Ende zwar selbstbewusster, aber auch desillusioniert allein zurückzubleiben. Vielleicht kann mir ja jemand einmal erklären, wie dies mit dem letzten Song „Bitte halt mich fest“ unter einen Hut gehen soll!? Das ständige Ein- und Aussteigen bedingt, dass fortlaufend neue Menschen zusammentreffen. Was unterwegs passiert, scheint allein dem Zufall geschuldet zu sein, und manchmal bekommt der Zuschauer Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Reisenden. Kommt es gerade darauf an, in rasanter Fahrt einen Querschnitt durch verschiedene Bevölkerungsgruppen zu zeigen, sind die Akteure gefordert, auf der düster wirkenden Bühne immer neue darstellerische Facetten zu zeigen. Dem gesamten Ensemble gelingt es mit viel Spielfreude, in einem Moment dem Publikum Lacher zu entlocken, gleich darauf eine nachdenkliche Stimmung zu erzeugen. Sicherlich hat man selten so präsente und dazu tadellos singende „Wilmersdorfer Witwen“ erlebt (Edward Lee, Joachim Gabriel Maaß, Benjamin Oeser und Dirk Weiler), da mag man ihnen fast schon ihre rechte Gesinnung verzeihen…

Jeanette Claßen (Risi), Annika Firley (Bisi), Benjamin Oeser (Exotischer Ausländer) und Yvonne Forster (Das Mädchen). Foto: Pedro Malinowski

Mühelos meistern die Akteure die schnellen Rollenwechsel und gestalten jede Szene kurzweilig und mit viel Elan. Oftmals ist nach blitzschneller Verwandlung nicht (gleich) erkennbar, welcher der elf Darsteller sich hinter der jeweiligen Figur verbirgt. Hier sticht besonders der wunderbar feinsinnigen Hermann heraus (Joachim Gabriel Maaß), der wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sein Song „Herrlich zu leben“ ist ebenso herrlich gesungen und ruft Begeisterung hervor. Ein besonderer Moment ist auch „Marias Lied“, mit dem Jeanette Claßen tief berühren kann, indem sie eindrücklich von ihrem eigenen Scheitern erzählt, um das traurige und erschöpfte Mädchen aufzuheitern. Jeder Darsteller hat Momente, in denen er dem Zuschauer im Gedächtnis bleibt: Annika Firley und Sabastian Schiller stechen besonders als tragisch-gescheitertes Punkerpärchen Lumpi und Kleister hervor, Benjamin Oeser als Bambi, die Kontaktperson des Mädchens, Gudrun Schade als Lady, die ihren Status als Geschäftsfrau zu verleugnen sucht, Jacoub Eiser als der seltsame Junge im Mantel, Christa Platzer als Buletten-Trude, die gute Seele des Bahnhofs Zoo und Dirk Weiler als Chantal, der ehemalige Tanzstar, mit ihrem ausgestopften Hündchen Bijou.

Gudrun Schade (Frau) und Christa Platzer (Rentnerin). Foto: Pedro Malinowski

Ob einem nun die Original-Inszenierung am Grips-Theater oder die Verfilmung von Reinhard Hauff oder womöglich die „Verfilmung des Musicals „Linie 1“ live on Stage“ von Carsten Kirchmeier mehr zusagt, das ist ganz sicher Geschmacksache und muss jeder individuell für sich entscheiden. Auf der Habenseite kann die Gelsenkirchener „Linie 1“ auf jeden Fall ein spielfreudiges Ensemble sowie das unter der Leitung von Heribert Feckler dynamisch aufspielende „United Rock Orchestra“ für sich verbuchen. Da das Musical auch nicht landauf, landab an jeder Ecke gespielt wird, lohnt sich der Besuch allemal. „Linie 1“ steht am Musiktheater im Revier noch bis 7. Juli 2017 mit 15 Folgevorstellungen auf dem Spielplan.

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