Freitag, 10. März 2017

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“

Ausstellung im LVR-Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach zeigt chinesisches Ritual zum Tod von geliebten Menschen

Papiermühle Alte Dombach

In China ist Papier nicht nur vor über 2.000 Jahren erfunden worden, es spielt dort bis heute auch bei den Ritualen zum Tod eine wichtige Rolle. Dinge, die der Verstorbene für ein gutes Leben im Jenseits braucht, werden ihm in Form von Nachbildungen aus Papier gesandt: Sie werden verbrannt und nehmen dabei den Weg in die Welt der Toten. Die Ausstellung „Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“ beleuchtet vom 12. März bis 22. Dezember 2017 im LVR-Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach in Bergisch Gladbach dieses über tausend Jahre alte Ritual und seine heutige Praxis mit papierenen Opfergaben aus dem Jahr 2016.

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“, Bananen aus Papier

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“, Blick in die Ausstellung


Ahnenverehrung in China

Die Verehrung der Ahnen hat in China eine lange Tradition und bis heute eine große Bedeutung. Sie ist Hauptbestandteil der Volksreligion und ein fest integrierter Teil des Alltags. Die Tradition der Ahnenverehrung beginnt ab der Shang-Periode (ca. 1600 bis 1045 v. Chr.), die nach der ersten zeit­ge­nössisch verbürgten Dynastie in China benannt ist. Sie wurde in alle Religionen, die sich in den folgenden Jahrtausenden in China durchsetzten, integriert und konnte so beibehalten werden. Bis heute gibt es das Qingming-Fest, an dem die Gräber gefegt werden, Nahrungsmittel, Blumen und Gegenstände, die den Verstorbenen zu ihren Lebzeiten gefielen, vor die Gräber gelegt werden und Weihrauch­stäbchen angezündet werden.

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“, die 12 chinesischen Tierkreiszeichen

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“, die 12 chinesischen Tierkreiszeichen: Tiger und Hase

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“, der Drache ist daa wichtigste Symboltier in China


Vom Diesseits ins Jenseits

Das Verbrennen von papierenen Opfern ist verbunden mit der Vorstellung einer jenseitigen Welt, in der Ahnen, Geister und Götter leben. Das Jenseits ist ein Spiegelbild der diesseitigen Welt, und die Bewohner beider Welten brauchen dieselben Dinge für ein gutes Leben. Götter, Geister und Ahnen haben großen Einfluss auf das Schicksal der Menschen. Deshalb möchten die Lebenden ihnen Annehmlichkeiten bieten und Wünsche erfüllen und schicken ihnen Dinge, die dafür wichtig sind. Die Voraussetzungen für ein gutes Leben im Jenseits entsprechen zwar in vielerlei Hinsicht denen im Diesseits, aber die Form ist doch eine grundlegend andere. Deshalb werden nicht reale Dinge zu den Toten gesandt, sondern Nachbildungen oder Miniaturen. Vermutlich seit dem 7. Jahrhundert nach Christi bestanden die Nachbildungen oft aus Papier und wurden verbrannt. Bereits in der späten Song-Zeit (960 bis 1279) werden Geschäfte und Verkaufsstände für solche Objekte beschrieben. Beim Verbrennen legen die Objekte den Weg vom Diesseits ins Jenseits zurück.

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“, traditionelle chinesische Villa aus Papier

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“, Blick in die Ausstellung, Skulptur Ankh-Engel von Mary Baumeister, Rösrath, 1978, Holz, Stoff

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“, „Höllenbanknoten“ aus der heutigen Volksrepublik China


Von Kochgeschirr bis Geistergeld

Die Gaben orientieren sich an der Lebensweise und den Vorlieben des Verstorbenen. Es gibt Speisen, Genussmittel wie Zigaretten, Kochgeschirr, traditionelle und moderne Kleidung, Häuser und Hausrat, Kommunikationsgeräte wie Smartphone oder Computer, Autos, Musikinstrumente, Kinderspielzeug, auch Rollstühle und andere Hilfsmittel. Geld hat unter den Objekten für das Jenseits eine besondere Bedeutung. Imitationen von Zahlungsmitteln wie Kaurimuscheln, Silber- oder Goldbarren oder Münzen wurden schon in Gräbern aus vorchristlicher Zeit gefunden. So genanntes „Geister-“ oder „Höllengeld“ spielt noch heute eine wichtige Rolle.

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“, Waschmaschine aus Papier

„Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“, das chinesische Schachspiel existiert bereits seit dem 9. Jahrhundert


Jenseits offizieller Glaubenssysteme

Das Ritual der Verbrennung von Papierobjekten, die Alltagsgegenstände darstellen, hat zwar eine lange Tradition und drückt die Überzeugung der Menschen aus, wurde aber von der staatlichen Obrigkeit immer eher geduldet als befürwortet. Heute wird versucht, es in geregelte Bahnen zu lenken, mit Verbrennungsöfen an den Friedhofsanlagen und Auflagen vor dem Hintergrund von Brand- und Umweltschutz.

Bei den Yuanbao handelt es sich um schuhförmige Gold- oder Silberbarren als Zahlungsmittel im feudalen China. Heute werden sie mittels Papier nachgebildet und mit Glücks- bzw. Segenswünschen, oft auch mit religiösen Glückssymbolen wie dem Lotus oder dem buddhistischen Swaistka-Zeichen ausgestattet


Zwischen Tradition und Megacity

Die Ausstellung präsentiert nicht nur die Geschichte einer alten Tradition in China, sondern lässt auch Blicke auf den modernen Alltag in einem Land zu, das sich in den letzten Jahrzehnten tiefgreifend gewandelt hat und in dem sich traditionelle Lebensformen und modernste Megastädte gegenüberstehen.

Die Silber- und Goldberge repräsentieren den Wunsch der im Diesseits Lebenden, ihren Ahnen im Jenseit allergrößten Reichtum zukommen zu lassen

Bei der Konzeption der Ausstellung hat das LVR-Industrie­museum mit Xuemei Täubner-Liu aus Nanjing und dem Sinologen, Kunsthistoriker und Ausstellungskurator Dr. Thomas Täubner zusammengearbeitet. Sie betreiben das China Forum Galerie T in Kürten und organisieren Ausstellungen und Kulturkontakte mit China. Im Jahr 2016 haben sie die ausgestellten Objekte in Changchun, Nanjing, Changzhou, Xuancheng und Hanghzou im Osten der Volksrepublik China zusammengetragen und für die Ausstellung recherchiert.

Einkauf einer Opfergabe im Geschäft in Changchun, China 2016
Foto: Thomas Täubner, © LVR-Industriemuseum

Verbrennen einer Opfergabe am Friedhof von Nan-king, China 2016
Foto: Thomas Täubner, © LVR-Industriemuseum

Am 7. Mai und 26. November 2017 hält Sinologe, Kunsthistoriker und Ausstellungskurator Dr. Thomas Täubner einen Vortrag unter dem Thema „Papierene Brandopfer im chinesichen Ahnenkult. Über das wichtigeste Glaubenssystem der Chinesen“ mit einer Führung durch die Sonderausstellung und anschließender Diskussion.

Das LVR-Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach hat Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr, am Karfreitag, 14. April und Ostermontag, 17. April 2017 bleibt das Museum geschlossen. Der Eintritt in die Ausstellung „Kleidung, Smartphone und Bananen aus Papier. Wie die Chinesen ihre Liebe ins Jenseits senden“ beträgt 3 €, ermäßigt 2,50 €, ein Kombiticket mit Besuch der Dauerausstellung ist für 6 € zu haben, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt.

Keine Kommentare: