Samstag, 18. Februar 2017

„SCHREI“ – Musical Eigenarbeit

„SCHREI“ – Musical Eigenarbeit der Studierenden der Folkwang Universität der Künste Essen; Musik, Liedtexte: verschiedene Komponisten und Librettisten; Buch: who knows; Regie: who cares; Choreografie: who knows about; Lichtdesign: existing; Tondesign: hört man doch; Musikalische Leitung: Johannes Still. Darsteller: Anneke Brunekreeft (), Lina Gerlitz (Michelle …), Marvin Schütt (Maximilian Meldrich) und Sarah Wilken (). Musiker: Johannes Still (Klavier), Johanna Huber (Violine), Ruth Lehmann (Cello), Martin Berner (Trompete), Nico Zöller (Saxophon, Flöte), Leonard Küppers (Gitarre, Keyboard II), Marcus Gulich (Bass), Christoph Helm (Schlagzeug). 16. & 17. Februar 2017. Pina Bausch Theater, Essen.



„SCHREI“


„Und jetzt schweig!“


„2005 wurde erstmals ein Jahrgang aufgefordert, zum Ende des 6. Semesters ein Projekt in Eigenregie auf den Weg zu bringen. Vorgabe: Findet eine dramturgische Klammer, die erlernten Ausdruckselmente zu einer Stunde Theater zusammenzufügen! Und es schien ein schöner Ausblick, damit nicht nur das Ende eines Ausbildungsjahres, sondern auch die für alle gleichermaßen aufregende und anstrengende Aufnahmeprüfungswoche abzurunden. … Inzwischen hat sich die Eigenarbeit zum geheimen und vielleicht sogar aussagekräftigeren Abschlussstück der Klassen entwickelt. Wozu die Studierenden in der Lage sind, wenn man sie lässt und ihnen vertraut, ist absolut erstaunlich und ein Spiegel unser aller Arbeit, in den zu schauen jedes Jahr noch größere Freude bereitet.“ (Prof. Gil Mehmert, „Eigenarbeit“ in 20 Jahre Folkwang Musical: Musik, Theater, Tanz – drei Disziplinen, ein Studiengang. Folkwang Hochschule, Hrsg., 2009) Die Eigenarbeit des 3. Jahrgangs im Studiengang Musical ist zwar nicht im Veranstaltungskalender der Folkwang Universität aufgeführt, aber durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Ankündigung in sozialen Netzwerken ist die Veranstaltung wie immer so gut besucht, dass das Pina Bausch Theater aus allen Nähten platzt… Dies ist insofern nicht verwunderlich, als man dort auch regelmäßig die übrigen Studierenden, Alumni und natürlich die Anwärter auf einen Studienplatz im Studiengang Musical trifft. In diesem Jahr hatten Anneke Brunekreeft, Lina Gerlitz, Marvin Schütt und Sarah Wilken zum „SCHREI“ eingeladen, wobei ich nicht die geringste Vorahnung hatte, was mich dieses Jahr erwartet. Musikalisch begleitet wurden sie an diesem Abend von einer achtköpfigen Combo unter der Musikalischen Leitung von Johannes Still, bei dem ein oder anderen Namen bekommt fast den Eindruck, die Musiker werden mit der Zeit Teil des Inventars… IMHO zeigt es, dass die Zusammenarbeit mit dem Studiengang Musical für die Musiker nicht nur fester Bestandteil des Studiums ist, sondern obendrein viel Spaß bringt.

Anneke Brunekreeft aus Basel war in folgenden Produktionen zu sehen:
  • Ursula/Haremsgirl/Ärztin/Reporterin in „Sunset Boulevard“ am Opernhaus Dortmund (Premiere 8. Oktober 2016, Regie Gil Mehmert)
  • Musikvideo Krankenschwester/Swing-Trio in „Hello Again“ am Theater im Rathaus, Essen (Premiere 27. Juni 2016, Regie Gil Mehmert)
Lina Gerlitz aus Berlin war in folgenden Produktionen zu sehen:
  • Lisa in „Sunset Boulevard“ am Opernhaus Dortmund (Premiere 8. Oktober 2016, Regie Gil Mehmert)
  • Primadonna 1950er-Jahre/Swing-Trio in „Hello Again“ am Theater im Rathaus, Essen (Premiere 27. Juni 2016, Regie Gil Mehmert)
Marvin Schütt aus Rendsburg stand in folgenden Rollen auf der Bühne:
  • John/Verkäufer in „Sunset Boulevard“ am Opernhaus Dortmund (Premiere 8. Oktober 2016, Regie Gil Mehmert)
  • Der Ehemann in „Hello Again“ am Theater im Rathaus, Essen (Premiere 27. Juni 2016, Regie Gil Mehmert)
Sarah Wilken aus Hildesheim spielte/spielt in folgenden Produktionen mit:
  • Mistress in „Evita“ am Opernhaus Bonn (Premiere 4. September 2016, Regie Gil Mehmert) am 5. und 10. Juni 2017
  • Heather/Masseurin in „Sunset Boulevard“ am Opernhaus Dortmund (Premiere 8. Oktober 2016, Regie Gil Mehmert)
  • Primadonna 1912/Swing-Trio in „Hello Again“ am Theater im Rathaus, Essen (Premiere 27. Juni 2016, Regie Gil Mehmert)
  • Mary Lennox in „Der geheime Garten“ in den Herrenhäuser Gärten Hannover (Premiere 26. Juni 2009, Regie Craig Simmons)

Kunstliebhaber denken bei „SCHREI“ womöglich an das Gemälde „Der Schrei“ des norwegischen Malers Edvard Munch, Filmkenner werden womöglich eher an den Horrorfilm „Scream“ (1996) von Regisseur Wes Craven und dessen Fortsetzungen Scream 2 (1997), Scream 3 (2000) und Scream 4 (2011) denken. Aber „SCHREI“ ist eher der letzte Schrei von anlisama Entertainment – das geschwungene, rote a auf den schwarzen Kapuzenshirts der vier Akteuere Anneke, Lina, Sarah und Marvin erinnert überhaupt nicht an das Logo des Marktführers in Sachen kommerzieller Unterhaltung, aber sowas von… Pünktlich um 20 Uhr beginnt die Generalprobe zu besagter Show mit einer Hommage an Choreographien von Bob Fosse, welche in den ersten Song „Magic to Do“ aus „Pippin“ von Stephen Schwartz mündet, das bekanntlich von Bob Fosse am Brodway inszeniert und choreografiert wurde. 30 Minuten später deuten die Kreideumrisse einer Leiche auf dem Bühnenboden auf ein Gewaltverbrechen hin… In einer Rückblende erfährt der Zuschauer, was vor der Generalprobe geschehen und wie es zum Ableben eines der vier Akteure auf der Bühne gekommen ist. In der Manier eines Backstage-Musicals wird dabei kein Klischee ausgelassen, die sich um den Beruf des Musicaldarstellers ranken. Da wären Maximilian (Marvin Schütt) und Michelle (Lina Gerlitz), das Traumpaar des deutschen Musicals, die auch privat ein Paar sind, oder besser gesagt waren, denn Maximilian hat im Laufe der Zeit herausgefunden, dass er homosexuell veranlagt ist und plant nunmehr sein Coming-out. Michelle ist davon derartig „begeistert“, dass sie Maximilian offen droht, ihn umzubringen, wenn er seinen Plan in die Tat umsetzt. Dann wäre da noch Michelles Understudy (Anneke Brunekreeft), die davon träumt, oder genauer gesagt davon besessen ist, endlich wie Michelle im Mittelpunkt zu stehen, und dabei auch nicht vor unkonventionellen Methoden zurückschreckt, Michelle aus dem Weg zu räumen. Sie geht zwar nicht so weit, ihrer Konkurrentin nach dem Leben zu trachten, aber ein Brechmittel in Michelles Wasserflasche zu mischen, das sie für die Premiere außer Gefecht setzt und ihr selbst die Möglichkeit geben soll, für sie einzuspringen, das ist für sie kein Problem. Die vierte im Bunde ist der Dance Captain der Truppe (Sarah Wilken), der bei jedem der Darsteller etwas an den Choreografien herumzumäkeln hat, nach außen vor Selbstbewusstsein nur so strotzt, aber in Wirklichkeit auf der Suche nach einer Schulter zum Anlehnen oder zumindest nach einem offenen Ohr ist, das sie bei ihrer Freundin vergeblich sucht, denn die ist nur mit sich selbst beschäftigt. Am Ende ist sie es, die tot am Bühnenboden liegt, kein Mordopfer, sondern ein Opfer von Alkohol und Drogenkonsum…

Mit Gesang, Tanz – besonders eindrucksvoll sind bei dieser Produktion IMHO die dynamischen Choreografien ausgefallen – und Schauspiel, viel Humor und einem Augenzwinkern wussten die Studierenden das vorwiegend jüngere Publikum im übervoll besetzten Pina Bausch Theater für sich einzunehmen, das nach gut einer Stunde Aufführungsdauer begeistert applaudierte. Nicht unerheblichen Anteil am Gelingen des Abends hatten auch die Musiker, die diesmal zentral im hinteren Teil der Bühne im Blickfeld der Zuschauer agierten. Die Musical Eigenarbeit gibt natürlich einen guten Einblick in den Ausbildungsstand der Studierenden, aber sie zeigt auch deutlich, dass es auch ohne bombastischen Aufwand möglich ist, kurzweiliges, ansprechendes unterhaltendes Musiktheater auf die Bühne zu bringen. „Schrei“ ist übrigens auch ein Song der deutschen Band „Tokio Hotel“ auf deren Debütalbum gleichen Namens, der in der diesjährigen Musical Eigenarbeit verwendet wird und womöglich für den Titel herangezogen wurde…

Die nächste größere Produktion des Studiengangs Musical steht bereits in den Startlöchern, am 4. April 2017 wird die Tryout Premiere von „Goethe! Auf Liebe und Tod“ mit illustren Gästen in der Neuen Aula am Campus Werden über die Bühne gehen.

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