Mittwoch, 11. Januar 2017

„Wenn das Echo ihrer Stimmen verhallt…“

Begleitprogramm zur Oper „Die Passagierin“ am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Die Oper „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg ist eines der bemerkenswertesten Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts. Erst 2010 szenisch uraufgeführt ist es auch gleichzeitig einer der unmittelbar bewegensten, weil es in einer existentiellen Situation vom Leben und von menschlicher Verantwortung erzählt. Seither wird auch der bis dahin zu Unrecht wenig bekannte Komponist Mieczysław Weinberg (* 12. Januar 1919 in Warschau, † 26. Februar 1996 in Moskau) und sein umfangreiches Schaffen wiederentdeckt. Die letzten Zeitzeugen können heute noch vom Holocaust erzählen, so wie die 93-jährige Auschwitz-Überlebende und Autorin Zofia Posmysz (* 23. August 1923 in Krakau). Nicht nur die Geschichte der „Passagierin“, sondern auch die Wiederentdeckung der Oper und ihr nachhaltiger Erfolg zeigen, dass die Erinnerung stärker wirkt als das Vergessen. In diesem Sinne regt die Oper zur thematischen Auseinandersetzung an.

„Die Passagierin“, Bele Kumberger (Yvette). Foto Pedro Malinowski

Da „Die Passagierin“ nun zum ersten Mal in NRW zu erleben ist, veranstaltet das Musiktheater im Revier zusammen mit zahlreichen Kooperationspartnern aus Stadt und Land ein großes Rahmenprogramm, um die Themenbereiche der Oper in den unterschiedlichsten Formen zu vertiefen und in Beziehung zueinander zu setzen. Dreh- und Angelpunkt des Rahmenprogramms bilden der Internationale Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar und die Premiere am 28. Januar 2017. Das Rahmenprogramm beginnt im Vorfeld der Premiere, zieht sich konzentriert durch die Premierenwoche bis zum Ende der Spielzeit, mit Konzerten, Lesungen, Ausstellungen, Vorträgen und Zeitzeugen-Begegnungen. Die Veranstaltungen finden sowohl im MiR statt, als auch bei Kooperationspartnern an anderen Orten in Gelsenkirchen, in Bochum oder auch in Solingen. Dabei geht es auch immer wieder um Schicksale und Geschehnisse direkt vor Ort.

Themenschwerpunkte sind die Autorin Zofia Posmysz, die in der Premierenwoche nach Gelsenkirchen kommt, sowie weitere Zeitzeugen wie Henri Kichka (* 14 April 1926 in Brüssel) aus Belgien oder Rolf Abrahamson (* 1925 in Marl) aus Marl. 2016 verstorben ist der Zeitzeuge und Nobelpreisträger Imre Kertész (* 9. November 1929 in Budapest, † 31. März 2016 in Budapest), aus dessen epochalem „Roman eines Schicksallosen“ Hermann Beil im Schauspielhaus Bochum liest. Der Komponist Mieczysław Weinberg wird in zwei exklusiven Kammerkonzerten von Künstlern präsentiert, die international für ihre meisterhaften Weinberg-Einspielungen bekannt sind: Das Daniel Quartett sowie Linus Roth (Violine) & José Gallardo (Klavier). Verfolgte Künstler, deren Leben und Schaffen im Schatten des Holocaust stehen, bilden das Programm des Liederabends von Almuth Herbst („Immer inmitten“: Verfolgte Lieder, 12. Februar 2017) und des Gedenktages zum Tag der Befreiung („An die Völker der Erde“, 12. Mai 2017).

Zu den Kooperationspartnern vor Ort zählen das Institut für Stadtgeschichte, die Jüdische Gemeinde und das Kunstmuseum Gelsenkirchen. Auf Landesebene besteht eine Kooperation mit dem Zentrum für verfolgte Künste in Solingen, das wiederum mit dem MOCAK Museum für Gegenwartskunst in Zofia Posmyszs Heimatstadt Krakau zusammenarbeitet. Aus einer gemeinsamen Ausstellung stammen Originale von Michel Kichkas (* 1954 in Lüttich, Belgien) viel diskutierter Graphic Novel „Zweite Generation“, die das Trauma der auf die Zeitzeugen nachfolgenden Generation aufgreift, und die nun das Kunstmuseum Gelsenkirchen ausstellt.

Statements

„Kunstwerke eines KZ Häftlings befinden sich in einem Dilemma. Sehen wir eine autobiografische Quelle, verhindert dies zumeist die Wertschätzung als eigenständige Kunst. Nicht nur der oft schreckliche Inhalt, sondern auch diese formale Besonderheit verlangt vom Betrachter, vom Leser mehr als ein interesseloses Wohlgefallen. Zofia Posmysz große künstlerische Leistungen sind nicht nur bewegende Geschichten von menschlichen Abgründen und Humanismus, sondern auch, dass sie dieses Dilemma erkannt hat. Soe schafft eigenständige literarische Bildwelten der Shoa, des zerstörerischen Terrors der Konzentrationslager und gleichzeitig authentische Schilderungen des Erlebten – große Kunst.“
Jürgen Kaumkötter, Kurator des Zentrums für verfolgte Künste

Michel Kichka, Dank an Antoine de Saint-Exupéry, 2012, Tusche auf Papier. Aus: Zweite Generation, Was ich meinem Vater nie gesagt habe, Egmont Verlag, Köln 2014. © Egmont Graphic Novel, 2014; DARGAUD & Michel Kichka, 2012.

„Das Kunstmuseum Gelsenkirchen unterstützt gern die Chance, das Gespräch rund um die wichtigste Oper „Die Passagierin“ am MiR zu beleben.
Vom 29. Januar bis zum 2. April 2017 ist die Graphic Novel von Michel Kichka „Zweite Generation“ mit rund 50 Originalzeichnungen zu sehen. In seinen gezeichneten Erinnerungen verarbeitet Michel Kichka, einer der wichtigsten Comic-Künstler und Karikaturisten Israels, die Beziehung zu seinem Vater Henri, der Aschwitz-Überlebender ist. Mit viel Witz, Wärme und scheinbaren Tabubrüchen wird ein Trauma thematisiert, das den Ausstellungsbesuchern viel Diskussionsstoff bieten wird.“
Leane Schäfer, Direktorin Kunstmuseum Gelsenkirchen

Das Begleitprogramm beginnt bereits am kommenden Sonntag, 15. Januar 2017, mit der musikalischen Lesung „Parce que je t’aime – weil ich Dich liebe“ mit Texten von Irène Némirovsky (* 11. Februar 1903 in Kiew, † 17. August 1942 im KZ Auschwitz), rezitiert von Gudrun Landgrebe, und Chansons von Barbara (* 9. Juni 1930 in Paris als Monique Andrée Serf, † 24. November 1997 in Neuilly-sur-Seine), gesungen von Christa Platzer. Das vollständige Begleitprogramm kann als pdf-File von der Homepage des MiR bei der Produktion „Die Passagierin“ heruntergeladen werden.

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