Mittwoch, 11. Januar 2017

„Fahr mal wieder U-Bahn“: Yvonne Forster und Carsten Kirchmeier im Gespräch

Yvonne Forster (* 1990 in Freiburg im Breisgau) studierte von 2011 bis 2015 im Studiengang Musical an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Bereits während ihres Studiums spielte sie in „Die Fledermaus“ im Aalto-Theater Essen (Premiere 10. Dezember 2011, Regie Gil Mehmert), am Musiktheater im Revier in „Street Scene“ (Premiere: 22. September 2012, Regie Gil Mehmert) die Rolle des Grace Davis, und in „Spring Awakening (Frühlings Erwachen)“ (Premiere 15. März 2013, Regie Wolfgang Türks) die Rolle der Anna. Am Theater Bonn und am Opernhaus Dortmund war sie in der gemeinsamen Produktion „Jesus Christ Superstar“ (Premiere 13. Oktober 2013 bzw. 19. Oktober 2014, Regie Gil Mehmert) zu sehen, und am Theater Oberhausen schließlich als Frau des Bäckers in „Into the Woods“ (Premiere 11. April 2014, Regie Peter Carp). Nach Abschluss ihres Studiums war Yvonne Forster am Schauspiel Köln im Singspiel „Kimberly“ (Uraufführung 11. Dezember 2015, Regie David Schalko) und am Rottstr 5 Theater Bochum als Ferklin in „Disco Pigs“ (Premiere 29. März 2015, Regie Marco Massafra) involviert, augenblicklich ist sie im Musical-Ensemble von „Monty Python’s Spamalot“ (Premiere 11. September 2015, Regie Christian Brey) und „Weekend im Paradies“ (Premiere 24. September 2016, Regie Christian Brey) am Schauspielhaus Bochum, als Laura in „Die Glasmenagerie“ (Premiere 19. Mai 2016, Regie Ragna Guderian) am Rottstr 5 Theater Bochum sowie als Belle/Cécile in „Die Schöne und das Biest“ (Premiere am 26. November 2016, Regie: Romy Schmidt) am Prinzregententheater Bochum zu sehen. In „Linie 1“ am Musiktheater im Revier wird sie die Rolle des Mädchens verkörpern, das ihrem Märchenprinz in die große Stadt folgt.

Yvonne Forster, Foto Nico Stank

Der gebürtige Gelsenkirchener Carsten Kirchmeier studierte an der Ruhr-Universität Bochum Theaterwissenschaft, Musikwissenschaft und Anglistik. Nach einem Engagement als Inspizient an der Staatsoper Hannover wurde Carsten Kirchmeier Regieassistent und Abendspielleiter am Aalto-Theater Essen, wo 2006 in Kooperation mit dem Schauspiel Essen seine erste eigene Regiearbeit, Mozarts „Bastien und Bastienne“ als Kinderoper, zu sehen war. Seit der Spielzeit 2008.09 ist Carsten Kirchmeier als Leiter der szenischen Einstudierung und als Regisseur am Musiktheater im Revier beschäftigt. Er inszenierte u. a. Bernsteins „Trouble in Tahiti“, „Blue Monday“ von George Gershwin und Buddy DeSylva, die „Geschichte in Liedern“ „Closer than ever” von David Shire und Richard Maltby sowie „On the Town“ von Leonard Bernstein, Betty Comden und Adolph Green, für das er den Gelsenkirchener Theaterpreis erhielt. 2014.15 schrieb und inszenierte Carsten Kirchmeier die Kinderoper „Das Gespenst von Canterville“ nach einem Märchen von Oscar Wilde und führte bei „Mission: Possible 2015“ Regie. In der Spielzeit 2015.16 setzte er „Die Fledermaus“ und „König Hamed und Prinzession Sherifa“ in Szene, in der laufenden Spielzeit wird er das Musical „Linie 1“ (Premiere 11. März 2017) inszenieren.


Benutzt Du/Benutzen Sie privat lieber das Auto oder die U-Bahn? Warum?

Yvonne Forster: Ich besitze kein eigenes Auto und komme im Ruhrgebiet auch super ohne aus. Da ich beim Einparken jedes Klischee bediene, ist es wohl auch besser für meine Mitmenschen und meine Nerven, erst einmal weiterhin mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B zu kommen.
Außerdem lese ich sehr gerne in der Bahn oder gehe vor Proben noch einmal Text durch.


Carsten Kirchmeier: Lieber benutze ich das Auto und gestehe, dass diese Tatsache einer gewissen Bequem­lich­keit geschuldet ist. Wenn ich aber mal in Berlin bin – um einen Bezug zum Stück herzustellen – benutze ich tatsächlich ausschließlich die U-Bahn.

Auch mehr als 30 Jahre nach der Uraufführung am 30. April 1986 wird „Linie 1“ noch immer am Grips-Theater in Berlin gespielt, also länger als „Starlight Express“ in Bochum, nur eben nicht en suite, sondern im Repertoire. Was zeichnet „Linie 1“ aus, wie erklärst Du Dir/erklären Sie sich den langanhaltenden Erfolg dieses Musicals?

Yvonne Forster: Für mich zeichnet sich „Linie 1“ durch die starken Charaktere aus. Das dachte ich beim Lesen des Textbuches. Dass sich das Stück schon so lange in Berlin hält liegt vielleicht daran, dass es für Berlin geschrieben ist und in Berlin spielt.

Carsten Kirchmeier: Erst einmal bestätigt diese lange Laufzeit die Qualität von „Linie1“. Das Stück erzählt – auch wenn es in den 80ern spielt – von Situationen, Begegnungen, die allgemeingültig sind und nie „aus der Mode“ kommen und zu denen jeder eine Beziehung hat – egal ob man sie selbst erlebt hat oder ob man sie als Beobachter in der U-Bahn, an der Haltestelle, auf der Straße etc. verfolgt hat.
Außerdem genießt „Linie1“ in Berlin einen gewissen Kultcharakter. Immerhin lieferte das GRIPS-Theater nicht nur eines der erfolgreichsten deutschen Musicals ab, sondern konnte auch einen internationalen Erfolg für sich verbuchen.


Wie haben Sie sich als Regisseur auf die Inszenierung von „Linie 1“ vorbereitet? Haben Sie sich andere Inszenierungen von „Linie 1“ angeschaut, kennen Sie die Original-Inszenierung vom Grips-Theater?

Carsten Kirchmeier: Ich habe mir vor 5 Jahren die Original-Inszenierung am GRIPS-Theater angeschaut. Weitere Produktionen kenne ich nicht – bis auf die Verfilmung, die ich als 15-Jähriger gesehen habe und die mich sehr begeistert hat – auch wenn sich diese Begeisterung mit den Jahren etwas relativiert hat. Nichtsdestotrotz finde ich die Filmversion gegenüber der Bühnenfassung insofern „gelungener“, als dass sie mehr Tempo hat als das GRIPS-Original, auch die musikalischen Arrange­ments sind „knackiger“. Ansonsten habe ich mir in Vorbereitung auf die Inszenierung Dokumentationen wie zum Beispiel „Wilde Zeit West Berlin“ angeschaut – um ein Gespür für das Lebensgefühl zu bekommen, das in den 80ern herrschte und das auch dieses Stück prägt.

Michael Schulz hat in der Gala zur Spielzeiteröffnung 16.17 die Berliner U-Bahn-Linie 1 mit der KulturLinie 107 zwischen Gelsenkirchen Hauptbahnhof und Essen-Bredeney verglichen. Ihre „Linie 1“ wird aber schon in Berlin (West) spielen, oder? Ließe der Verlag Felix Bloch Erben eine solche Anpassung überhaupt zu?

Carsten Kirchmeier: Ich kann Ihnen nicht sagen, ob der Verlag eine derartige „Um-Verortung“ zuließe, da ich nie darüber nachgedacht habe, „Linie 1“ im Ruhrgebiet spielen zu lassen. Und „Ja“, die Mauer steht in meiner Inszenierung auch noch. Trotzdem könnten sich die Situationen des Stückes genauso gut auf der Strecke Gelsenkirchen/Essen abspielen. Aber was wäre der Mehrwert, das Stück in diese Richtung „umzubiegen“? Abgesehen davon fände ich dies auch etwas zu anbiedernd. Ort und Zeit der Handlung ist West-Berlin 1986 – und die Währung ist die D-Mark.

„Linie 1“ wurde zu einer Zeit uraufgeführt, als Berlin (West) noch eine „Insel im roten Meer“ war, der Bahnhof Berlin Zoologischer Garten noch der wichtigste Verkehrsknotenpunkt des Personenfernverkehrs im Westteil der Stadt und der U-Bahnhof Schlesisches Tor noch der letzte Bahnhof vor der Sektorengrenze gewesen ist. Nach dem Fall der Mauer und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland hat sich nicht nur die Linienführung der Berliner U-Bahn-Linie 1 geändert. Wie gehen Sie als Regisseur mit solchen – auch politischen – Änderungen um? Am Berliner Grips-Theater wird, nachdem Volker Ludwig zwischenzeitlich Anpassungen vorgenommen hatte, seit vielen Jahren nur noch das absolute Original, die Urfassung gespielt.

Carsten Kirchmeier: Ich sehe „Linie 1“ nicht primär als ein politisches Stück. Ein naives, namenloses Mädchen, das es zu Hause nicht mehr ausgehalten hat, kommt aus der Provinz nach West-Berlin, weil es ihre „große Liebe“ Johnny wiedersehen möchte. Das ist die Ausgangs­situation. In Berlin angekommen, kämpft es sich durch den U-Bahn-Dschungel und sieht sich mit Situationen, Menschen und deren Problemen konfrontiert, die es bisher nicht kannte, die ihm bisher fremd waren. Man könnte sagen, „das Mädchen“ trifft auf die raue Realität: Arbeitslosigkeit, Drogen, Rassismus, Selbstmord. Mit dieser Realität muss es sich auseinandersetzen und lernt, sich und seine „Probleme“ zu relativieren bzw. in einem anderen Kontext zu sehen. Am Ende ist es durchaus desillusioniert, aber auch – das mag jetzt etwas abgedroschen klingen – durchaus „gereift“. Man darf ja auch nicht vergessen, dass das GRIPS-Theater in erster Linie ein Kinder-/Jugendtheater ist und somit das Mädchen als Identifikationsfigur für diese Zielgruppe fungiert. Natürlich finden politische Ansichten auch ihren Raum. Und wenn man sich die Wilmersdorfer Witwen anschaut (Zitat: „Wer war denn hier Nazi? Wir waren immer deutschnational.“), Allgemeinplätze hört wie „Armes Deutschland“ oder andere reaktionäre bzw. populistische Äußerungen, könnte man gerade dieser Tage das Gefühl haben, ein heutiges Stück zu lesen.
Von daher gesehen: Natürlich hat sich politisch einiges getan seit 1986 – vieles ist aber auch noch erschreckend aktuell.


„Linie 1“ ist eher der Kabarett-Revue als dem klassischen Musiktheater zuzuordnen. Volker Ludwigs Lyrics spiegeln subtil das Berliner Lokalkolorit der 1980er-Jahre wider und sparen bisweilen nicht mit dem politischen Zeigefinger. Wie kann man vermeiden, dass das alles altbacken und wie aus einer anderen Zeit wirkt?

Carsten Kirchmeier: Als ich „Linie 1“ im GRIPS-Theater sah, hatte ich wirklich das Gefühl, ein Stück aus einer anderen Zeit zu sehen. Nach 30 Jahren wirkt diese Inszenierung doch etwas „museal“, was weniger am Inhalt liegt, als vielmehr an der Spielweise und dem – wie ich finde – fehlenden Tempo. Und manchen politischen oder auch moralischen Zeigefinger, der nicht von der Hand zu weisen ist, habe ich mir erlaubt zu eliminieren.

Was wird Ihre Inszenierung auszeichnen, warum sollte man diese auf keinen Fall verpassen?

Carsten Kirchmeier: Ein wunderbar vielseitiges Ensemble mit ganz unterschiedlichen Typen – was besonders bei diesem Stück (11 Darsteller in ca. 50 Rollen) extrem wichtig ist, eine tolle Ausstattung, mit Heribert Feckler einen musikalischen Leiter und Musical-Experten, der frischen Wind in die 80er-Jahre-Partitur bringt, mit Paul Kribbe als Choreographen einen weiteren Musical-Experten und natürlich das Stück an sich, das viel zu lange nicht mehr auf den Spielplänen der Theater gestanden hat.

Yvonne, Du bist aktuell in sehr vielen Produktionen im Ruhrgebiet involviert. Wie ist es Dir nach Deinem Studium bisher ergangen, haben sich Deine Erwartungen an den Berufsalltag als Musicaldarstellerin erfüllt?

Yvonne Forster: Ich muss sagen, dass ich bisher sehr viel Glück hatte. Ich habe viele tolle Regisseure und Kollegen kennengelernt, die mich mit ihrer Arbeit künstlerisch bereichert haben. Natürlich waren bei sieben Produktionen seit Ende meines Studiums nicht nur Herzensstücke dabei und es gab auch Momente, in denen ich dachte: „Huch, jetzt ist es wirklich nur noch Arbeit und ich muss aufpassen, dass ich keinen Frust aufbaue.“ Da passt es dann weder zwischenmenschlich noch auf einer künstlerischen Ebene. Das kam aber bisher nur einmal vor. Ich bin wirklich sehr zufrieden mit meiner Arbeit und meinem Alltag und werde immer wieder von leidenschaftlichen Theatermenschen inspiriert und mitgezogen.

Was hat Dich an der Rolle des Mädchens in „Linie 1“ besonders interessiert?

Yvonne Forster: Zur Vorbereitung auf die Audition in Gelsenkirchen habe ich den Film gesehen und direkt gedacht, dass ich diese Rolle unbedingt spielen will.
Das Mädchen finde ich toll weil sie so un­vor­ein­ge­nommen und offen auf Menschen zugeht. Sie ist sehr mutig. Macht sich einfach alleine auf in eine große Stadt um den Mann zu finden, den sie liebt. Außerdem liebe ich schräge Charaktere und als Mädchen begegne ich solchen ja in einer Tour. Darauf freue ich mich wahrscheinlich am meisten. Mit meinen Kollegen die Szenen zu entwickeln. Ich hoffe, dass wir viel ausprobieren und herumspinnen können.


Du hattest in einem früheren Interview erzählt, dass Du in einem kleinen Dorf bei Freiburg aufgewachsen bist. Kannst Du Dich auch persönlich ein klein wenig mit dem Mädchen identifizieren, das vom Lande in die große Stadt kommt, auch wenn Essen, wo Du dein Studium absolviert hast, mit knapp 583.000 Einwohnern lange nicht an Berlin (West) mit 2 Millionen Einwohnern (Stand 1987) heranreicht?

Yvonne Forster: Auf jeden Fall!
Es herrscht natürlich ein anderer Puls im Ruhrpott als auf dem Land bei Freiburg. Ich bin immer wieder etwas überfordert von den vielen Reizen, wenn ich vom Urlaub bei meinen Eltern wieder nach Hause komme. Wenn ich dann vom Bahnhof durch die Einkaufsstraße nach Hause laufe, habe ich in etwa den Gesichtsausdruck von Janette Rauch aus dem Film auf dem Gesicht: sprachlose Verwirrung gepaart mit Neugierde.
Alles in allem habe ich die Mentalität im Ruhrgebiet aber doch schon sehr liebgewonnen. Die Menschen sind sehr offen, hilfsbereit und direkt und überwiegend tolerant. Das sind Eigenschaften einer Gesellschaft, die ich nicht missen möchte.


Hast Du „Linie 1“ schon gesehen, kennst Du die Original-Inszenierung vom Grips-Theater, die dort ja noch immer gezeigt wird?

Yvonne Forster: Ich habe es leider noch nicht gesehen. Das möchte ich aber sehr gerne noch irgendwann schaffen.

Janette Rauch, das Mädchen aus der Uraufführung des Musicals „Linie 1“, ist seit 2011 regelmäßig in der ZDF Fernsehserie „Notruf Hafenkante“ zu sehen, ist also immer noch als Schauspielerin tätig. Stimmt Dich dieser Umstand zuversichtlich?

Yvonne Forster: Ach, ehrlich gesagt, stimmt mich dieser Umstand nicht zuversichtlicher als das Wissen um jede andere Schauspielerin, die Arbeit hat.
Was mich für die Zukunft zuversichtlich stimmt ist, dass ich viele Menschen getroffen habe, mit denen ich gut zusammen arbeite und ich sicher bin, dass man wieder zusammen arbeitet. Ich bin auch von Haus aus ein positiver Mensch. Das habe ich von meinem Vater. Ein ganz starkes Vertrauen, dass schon alles gut wird.
Außerdem hängt mein privates Glück nicht alleine vom Theater ab. Natürlich ist das meine Hauptleidenschaft. Ich liebe es, mit tollen Kollegen Geschichten zu erzählen. Aber mich interessieren auch noch andere Dinge und ich weiß, dass es noch ganz viel zu entdecken und zu leben gibt. Das stimmt mich zuversichtlich.


Viel Erfolg für die Probenarbeit zu „Linie 1“ und toi, toi, toi für die Premiere am 11. März 2017 im Kleinen Haus.

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