Freitag, 30. September 2016

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

Sonderausstellung im LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs

Das LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs widmet sich ab dem 30. September 2016 in seiner neuen Sonder­aus­stellung „Die Welt im Kleinen“ der Geschichte des Baukastens im 20. Jahrhundert. Im Mittel­punkt der Ausstellung stehen neben Holz-, Stein- und Kunststoff­bau­kästen vor allem die faszinierenden Metall­bau­kästen und Modelle namhafter Hersteller wie Märklin, Trix, Stabil oder Meccano aus der Sammlung der Kölner Familie Griebel.

Eckfassade der Gesenkschmiede Hendrichs. Allein dieser Teil der Außenansicht wurde einst mit ästhetischem Anspruch gestaltet.


„Träume aus Blech“

Imposante Modelle technischer Ikonen wie die legendäre Schweizer Bergbahn – das Schweizer Krokodil oder SBB-Krokodil (Baureihen SBB Ce 6/8II und SBB Ce 6/8III der Schweizerischen Bundesbahnen) – oder der fast zwei Meter hohe Eiffelturm machen den Auftakt in der Ausstellung, die darüber hinaus den Blick auf die ganz persönliche Welt des Sammlers richtet und die Geschichte des Baukastens, die seiner Hersteller und seines Vertriebes erläutert. Die Modelle überzeugen durch den Charme der Miniatur, gleichzeitig beeindrucken sie durch ihre Größe. Hier sieht man kein Kinderspielzeug, sondern in vielen Stunden Arbeit zusammen­ge­setzte Werke von Tüftlern. Faszinierend ist die präzise Abbildung des originalen Vorbildes.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Cabrio mit Wohnwagen, Meccano, um 1920

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Eiffelturm, Märklin, 1989

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, „Adler“ Lokomotive mit Tender, Märklin, 1980

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Schweizer Krokodil, Märklin, 1980

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Windmühle, Mekanik, 1960er-Jahre

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Riesenrad im Wiener Prater, Märklin, o. J., und „Hau den Lukas“, Märklin, 1985


Die Welt des Sammlers

Sein Sofa und ein stilisierter Flohmarkttisch entführen in die persönliche Welt von Jürgen Griebel, Köln, aus dessen umfangreicher Sammlung die historischen Metallbaukästen der Ausstellung stammen. Jürgen Griebel (* 1. Mai 1934, † 7. Februar 1997) bekam 1940 den ersten Metallbaukasten den Märklin Nr. 1 - von seinem Großvater geschenkt. Der sechsjährige Junge baute alle Modelle aus dem Vorlagenheft. Nach dem Krieg wurde sein geliebter Baukasten im Tausch gegen Lebensmittel geopfert, die Baukästen gerieten in Vergessenheit. Ende der 1960er-Jahre, als seine beiden Söhne geboren wurden, erwachte die Leidenschaft aus Kindertagen erneut. Jürgen Griebel begann zu sammeln: Metallbaukästen und -modelle, insbesondere Lokomotiven. Die Söhne bekamen Matchbox-Autos zum Spielen. Als Jürgen Griebel später aufgrund einer chronischen Erkrankung aus dem Berufsleben ausschied, wurde die Sammlung zu einem zentralen Lebensinhalt. Der Bau der Modelle, die Restaurierung oder die originalgetreue Herstellung der Kästen selbst machte ihm Freude. Mehrach hat er in Museen ausgestellt. Märklin blieb sein Favorit, doch im Hinblick auf die Ausstellungsaktivitäten erweiterte er die beeindruckende Sammlung. Sie umfasst nich nur Baukästen der Marken Walther, Trix oder Meccano, sondern auch Produkte aus der ehemaligen DDR oder solche aus verschiedensten Materialien von Holz über Kunststoff bis zu Stein oder Aluminium.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Konstruktionsbaukasten in Streicholzschachtel, Clou, o. J.


Die Hersteller

Die Geschichte des Baukastens und die seiner bekannten Hersteller werden in der Ausstellung ebenfalls thematisiert. Während die frühen Baukästen des 19. Jahrhunderts aus Holz oder aus Stein und ohne feste Verbindungselemente waren, erfand Frank Hornby aus Liverpool 1901 das entscheidende Bauteil für die Welt im Kleinen aus Blech: Genormte Metallstreifen mit Löchern in regelmäßigen Abständen. Mit Schrauben und Muttern, Rädern und Achsen ließen sich erstmals bewegliche Modelle wie Kräne, Maschinen oder Wagen aller Art bauen. Der Metallbaukasten konnte seinen Siegeszug in die Welt antreten. 1908 gründete Hornby die Firma Meccano Ltd., die sich rasch zur größten Spielwarenfabrik Großbritanniens entwickeln sollte. In vielen Ländern fanden sich Nachahmer. Zu den bekannten deutschen Herstellern gehören die Berliner Firma Walther mit ihren Stabilbaukästen (ab 1905) oder die in Göppingen ansässige Fa. Märklin, die seit 1914 eigene Metallbaukästen produzierte. Ihre Entwicklung greift die Ausstellung ebenso auf, wie sie in einem Exkurs auf die Blechspielzeuge und Metallbaukasten eingeht, die von Solinger Firmen hergestellt worden sind.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, „Es ist und beibt Stabil des Knaben bestes Spiel“, Metallbaukaster der Fa. Walther & Co.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, E-Lok, Märklin, um 1950, Tenderlok, Meccano, o. J., E-Lokomotive, Stokys (Schweiz), 1980, Meccano-Lok, 1935

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Flugzeug aus Märklin-Bauteilen, o. J.


Der Vertrieb

Die Baukästen wurden seit den 1920er-Jahren für eine breitere Käuferschicht erschwinglich, da eine stärkere Mechanisierung der Produktion die Preise sinken ließ. Ein großes Schaufenster mit Modellen und Baukästen aller Art erinnert in der Ausstellung an die Vertriebsformen, mit denen die Hersteller für ihre Produkte warben. Eingängige Werbesprüche wie „Es ist und bleibt Stabil des Knaben liebstes Spiel“ gehörten ebenso zu den umfangreichen Werbestrategien wie Anzeigen und Plakate. Insbesondere die Spielzeugkataloge ließen die Kinderherzen höher schlagen. Doch die größte Überzeugungskraft traute man den gebauten Modellen zu, die den Einzelhändlern für ihre Schaufenster angeboten wurden. Besonders in der Weihnachtszeit bestaunten die Kinder die prächtig dekorierten Auslagen.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

Der Baukasten als technisches Spielzeug und seine Rolle für Erziehung und Spielwelt von Kindern seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bildet einen weiteren wichtigen Aspekt. Er sollte Kinder anregen, kreative Lösungen zu finden. Gleichzeitig lehrte er planvolles Handeln, Geschicklichkeit, Konzentrationsfähigkeit und Ordnung.


Kindheit und Spiel

Ein letzter Bereich der Ausstellung beschäftigt sich mit Kindheit und Spiel. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zeigt das technische Spielzeug: Was im Großen die Welt bestimmt, findet man im Kleinen als Spielzeug wieder. Gerade Metallbaukästen eigneten sich hervorragend, um Bauwerke, Fahrzeuge und Maschinen oder auch Phantasieobjekte, die die Arbeits-, Lebens- und Vorstellungswelt der jeweiligen Zeit prägten, nachzubauen. Sie galten als pädagogisches Spielzeug, das Kinder anregen sollte, kreative Lösungen zu finden. Gleichzeitig lehrten sie planvolles Handeln, Geschicklichkeit, Konzentrationsfähigkeit und nicht zuletzt auch Ordnung. Gedacht waren sie nahezu ausschließlich für Jungen. Die Titelbilder oder Namen wie „Der kleine Architekt“ oder „Der kleine Ingenieur“ zeugen von dem Anspruch, Jungen schon früh auf eine technikbestimmte Berufswelt vorzubereiten. Der Mitmachbereich mit vielen verschiedenen Baumaterialien lädt die kleinen Besucherinnen und Besucher ein, auszuprobieren, wie aktuell das Spielzeug Baukasten heute noch ist.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Spannende Arbeitswelt: Fahrzeuge, Abschleppwagen, Mekanik, 1960, KD-Plastik-Tankstelle, 1955

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Spannende Arbeitswelt: Fahrzeuge, Traktor, Trix, 1969, Oranger Traktor, Märklin, 1980, Traktor, Märklin, o. J.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“, Fröbel-Bauschule, doppellagig, Architektur, 1900, Holz


Neue Materialien und Techniken

Ende der 1950er-Jahre ließ das Interesse an den Metallbaukästen nach. Mit Fischer-Technik entstand ein Kunststoff-Baukasten-System, das den Metallbaukästen in vielerlei Hinsicht überlegen war und auch speziell für den Werkunterricht vermarktet wurde. Die Erfindung von Lego im Jahr 1958 ermöglichte das einfache und spielerische Bauen mit bunten Kunststoffbauteilen. Der Anteil an Kunststoffspielzeug erreichte 1968 bereits 40 Prozent. Der Metallbaukasten wurde zu einem Nischenprodukt und allmählich zum Sammelobjekt.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

Ein großer Mitmachbereich mit vielen verschiedenen Baumaterialien lädt zum Spielen ein.

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“

„Die Welt im Kleinen – Baukästen aus der Sammlung Griebel“ ist vom 30. September 2016 bis 25. Juni 2017 im LVR-Industriemuseum Gesenkschmiede Hendrichs zu sehen. Das Museum ist Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Die Ausstellung wird ergänzt durch ein Begleitprogramm mit Führungen und Kreativ-Workshops für Kinder. Weitere Informationen unter www.industriemuseum.lvr.de.

Vorschau: „Sunset Boulevard“

Probenbesuch im Opernhaus Dortmund

„Sunset Boulevard“ – basierend auf dem gleichnamigen Billy Wilder-Film von 1950; Musik: Andrew Lloyd Webber; Lyrics und Buch: Don Black, Christopher Hampton; Buch: Ken Ludwig; Deutsche Bearbeitung: Michael Kunze; Regie: Gil Mehmert; Choreografie: Melissa King; Ausstattung: Heike Meixner; Tontechnische Einrichtung: Marc Schneider-Handrup; Dramaturgie: Wiebke Hetmanek; Musikalischer Leiter: Ingo Martin Stadtmüller. Darsteller: u. a. Pia Douwes (Norma Desmond), Oliver Arno (Joe Gillis), KS Hannes Brock (Max von Mayerling), Wietske van Tongeren (Betty Schaefer), Hans Werner Bramer (Cecil B. DeMille), Morgan Moody (Artie Green), Daniel Berger (Sheldrake), Joshua Whitener (Manfred), Sarah Wilken (Heather), Esther Conter/Charlotte Katzer/Susanne W. Nixel (Mary), Anneke Brunekreeft (Ursula), Yara Hassan (Jean, Dance Captain), Martina Vorsthove (Joanna), Natascha Valentin (Katherine), Tomas Stitilis/Florian Minnerop/Pascal Cremer (Cliff), Marvin Schütt (John), Anton Schweizer (Sammy), Tomas Stitilis/Florian Minnerop/Pascal Cremer (Wunderkind), Henry Lankester (Jonesy), Alexander Sasanowitsch (Schuldeneintreiber). Uraufführung: 12. Juli 1993, Adelphi Theatre, London. Deutschsprachige Erstaufführung: 8. Dezember 1995, Rhein-Main-Theater, Niedernhausen. Premiere: 8. Oktober 2016, Theater Dortmund. 14 Vorstellungen bis 22. Januar 2017

„Sunset Boulevard“ ist ein amerikanisches Filmdrama von Billy Wilder aus dem Jahr 1950, das die Geschichte der fatalen Begegnung zwischen der alternden Stummfilmdiva Norma Desmond und dem jungen Drehbuchautor Joe Gillis erzählt, der auf der Flucht vor Geldeintreibern zufällig in Normas Villa am Sunset Blvd. landet. Gloria Swanson und William Holden verkörperten die Rollen von Norma Desmond und Joe Gillis, Gloria Swansons Karriere weist starke Ähnlichkeit zu der der Filmfigur Norma Desmond auf. Norma Desmond engagiert Joe Gillis als Ghostwriter für ihr Skript zu „Salome“, das ihr zu einem Comeback im Tonfilm verhelfen soll. Joe willigt nach anfänglichen Bedenken ein und läßt sich bald auch von Norma aushalten, er ersetzt quasi den Schimpansen, den er bei seiner Ankunft beerdigen sollte. Von der eigens von Norma nur für sich und Joe inszenierten Sylvesterparty flüchtet er zu seinen Freunden und der jungen Autorin Betty Schaefer, um abermals zu Norma zurückzukehren, als er von ihrem Selbstmordversuch erfährt. Die Vorkommnisse spitzen sich zu, als Norma Desmond von Joes Sympathie zu Betty Schaefer erfährt und ihn bei ihr als Gigolo denunziert. Als Joe Norma verlassen will, erschießt ihn die völlig konfuse Filmdiva, um sich schließlich, als Reporter eintreffen und ihre Kameras aufstellen, um über den Vorfall zu berichten, in Dreharbeiten zu „Salome“ zu wähnen. „Sunset Boulevard“ ist gleichzeitig eine sarkastische Parodie auf die Traumfabrik Hollywood, was besonders in der absurden Schlussszene deutlich wird. Andrew Lloyd Webber rekonstruierte den Film beinahe akribisch, Joes sarkastische Abrechnung mit der verlogenen Traumwelt Hollywoods ist als Titelsong der Höhepunkt des Musicals.

Nachdem Theater- und Filmregisseur Gil Mehmert („Das Wunder von Bern“, Uraufführung 23. November 2014, Theater an der Elbe, Hamburg) „Sunset Boulevard“ erstmals bei den Bad Hersfelder Festspielen 2011 (Premiere 21. Juni 2011, Stiftsruine, Bad Hersfeld) mit Helen Schneider als alternde Stummfilmdiva und Wietske van Tongeren (Betty Schaefer) sowie 2014 in einer Koproduktion mit dem Euro-Studio Landgraf am Stadttheater Fürth (Premiere 17. Oktober 2014) mit Helen Schneider (Norma Desmond), Cornelia Drese (Norma Desmond alternierend) und Oliver Arno (Joe Gillis) in Szene gesetzt hat, konnte das Theater Dortmund für seine Neuinszenierung dieser Produktion Pia Douwes für die Rolle der Norma Desmond gewinnen, die sie bereits 2008/2009 bei der Tournee durch die Niederlande und Belgien gespielt hat (Premiere 10. Oktober 2008, Koninklijk Theater Carré Amsterdam). Weiterhin sind Oliver Arno (Joe Gillis) und Wietske van Tongeren (Betty Schaefer) erneut mit von der Partie. In weiteren Rollen stehen KS Hannes Brock (Max von Mayerling), Morgan Moody (Artie Green) und Joshua Whitener (Manfred) aus dem Ensemble des Theaters Dortmund sowie Hans Werner Bramer (Cecil B. DeMille) aus dem Opernchor auf der Bühne, Studierende des zweiten und dritten Jahrgangs des Studiengangs Musical an der Folkwang Universität der Künste können im Ensemble Erfahrungen im professionellen Theaterbetrieb sammeln. In Dortmund soll die seit 2015 neben der kleiner orchestrierten Standardversion (25 Musiker) verfügbare „Symphonic Version“ mit den Dortmunder Philharmonikern (42 Musiker) unter der Musikalischen Leitung von Ingo Martin Stadtmüller (Kapellmeister und musikalischer Leiter der Jungen Oper) gespielt werden, die womöglich auch eine besondere Herausforderung für die Tontechnik im Hause darstellen könnte.

Bei der öffentlichen Probe am 29. September 2016 bestand für das Publikum die Gelegenheit, einen ersten Blick auf die Vorbereitungen zur Premiere am 8. Oktober 2016 zu werfen. Das Interesse an der Produktion scheint enorm zu sein, zumindest saßen die Besucher bei der Einführung von Dramaturgin Wiebke Hetmanek in Scharen auf dem Boden im Foyer bzw. auf der Treppe zum Rang. Der Herr mit „Gipsbein“, der ebenfalls auf der Treppe Platz nehmen musste, war nicht zu beneiden. Gezeigt wurde schließlich die Probe des zweiten Aktes von Beginn bis zum Song „Viel zu sehr“, in dem sich Betty Schaefer und Joe Gillis ihre Liebe gestehen, auch wenn Wiebke Hetmanek das in ihrer Einführung doch gar nicht verraten wollte und damit aber bereits alles verraten hatte. Statt der Dortmunder Philharmoniker war bei Probe Korrrepetitorin Tatiana Prushinskaya am Flügel aus dem Orchestergraben zu hören, demenstprechend konnten sich die Besucher noch keinen Eindruck von der „Symphonic Version“ verschaffen.

Zur Ausstattung ist an dieser Stelle nicht viel zu sagen, das Bühnenbild erinnert ziemlich stark an die Tournee-Version von 2014, geprobt wurde bei „Arbeitslicht“ ohne Kostüme. Der „Isotta Fraschini“, mit dem Max von Mayerling Norma Desmond und Joe Gillis zu den Paramount Studios chauffiert, ist noch derselbe wie bei der Tournee, „hatte der nicht auch eine Windschutzscheibe?“, war von der Regie aus dem Hintergrund zu hören. Wer schon einmal bei einer Probe mit Gil Mehmert als Regisseur dabei gewesen ist, dem dürfte bekannt sein, dass ihm kein noch so kleines Detail entgeht, selbst wenn viele Darsteller gleichzeitig auf der Bühne agieren, sei es eine nicht deutlich genug herausgearbeitete Pointe oder eine verdrehte Wortabfolge im Text. Insofern kann man später als Zuschauer sicher sein, eine aus Sicht des Regisseurs perfekte Vorstellung geboten zu bekommen. Ob diese dann auch den persönlichen Geschmack des Zuschauers perfekt trifft, ist bekanntlich eine ganz andere Sache. Gil Mehmert hatte sich bereits im Interview recht ausführlich zur Dortmunder Inszenierung geäußert. Wer eine seiner früheren Inszenierungen von „Sunset Boulevard“ gesehen hat, bekommt damit eine gute Vorstellung davon, was ihn/sie in Dortmund erwarten wird.

Die Spinnerei des LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt geht wieder ans Netz

Neue Ausstellungen und Ganzjahresbetrieb im LWL-Industriemuseum

1887 entstand an der Industriestraße in Bocholt eine Weberei, die aus der am 1. April 1870 von Heinrich Schüring (* 20. Mai 1838 in Rees, †4. Dezember 1886 in Bocholt) und Max Herding (* 7. April 1844 in Bocholt, † 11. Dezember 1911 in Bocholt) gegründeten Handweberei Schüring & Herding hervorging, nachdem Max Herding Alleininhaber des Textilbetriebs geworden war. Das viergeschossige Spinnereigebäude wurde vom Schweizer Architekturbüro Sequin & Knobel aus Rüti bei Zürich in Zusammenarbeit mit der Elsässischen Maschinen­bau­gesellschaft in Mülhausen geplant, die die Spinnerei lieferte. Um 1950 hatte die Spinnerei & Weberei Herding AG 520 Beschäftigte, doch bereits 1963 wurde nach einem Vergleichs­antrag die Produktion eingestellt. Als Kamm­garn­spinnerei und Weberei konnte die Produktion unter den neuen Eigentümern Josef und Bernhard Vogt aus Düsseldorf noch bis 1973 in reduzierter Form aufrecht erhalten werden, doch danach wurden die Hallen geräumt und die Maschinen verkauft oder verschrottet.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei

2004 konnte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) mit Unterstützung des Landes, des Kreises Borken, der Stadt Bocholt und der Sparkasse Bocholt das Industriedenkmal erwerben, 2009 begann der Umbau unter Leitung des Stuttgarter ATELIER BRÜCKNER mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II. Am 2. September 2011 eröffnete der LWL in der historischen Spinnerei nach dessen Umbau den zweiten Teil seines Textilmuseums, seither tragen die Weberei in der Uhlandstraße 50 und die Spinnerei in der Industriestraße 5 den gemeinsamen Namen TextilWerk Bocholt. Seit 12. Juli 2012 ist das LWL-Industriemuseum TextilWerk Bocholt Ankerpunkt der „European Route of Industrial Heritage“ (ERIH), die sich die touristische Vermarktung von Industriekultur in Europa zur Aufgabe gemacht hat.

TextilWerk Bocholt, Foyer der Spinnerei mit der Stahltreppe im Seilgang

Am Sonntag, 2. Oktober 2016 eröffnet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) den neuen Ausstellungsbereich „Die Macher und die Spinnerei“. Auf zwei Ebenen präsentiert das LWL-Industriemuseum in der ehemaligen Spinnerei Herding Geschichte und Wirken der Textilunternehmer in Westfalen. Das Spektrum der Exponate reicht vom Füllhalter über Möbel und Gemälde bis zu Mode aus verschiedenen Jahrzehnten und funktionstüchtigen Maschinen. Parallel zieht hochkarätige zeitgenössische Kunst in das mehr als 100 Jahre alte Gebäude ein: Unter dem Titel „Textile Erinnerungen“ zeigen Gali Cnaani aus Israel und Kaoru Hirano aus Japan textile Objekte und Installationen.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Kardensaal, der „parcours de la mode“ zeigt Kleider und Accessoires aus 120 Jahren. Davor sind Musterbücher aus der umfangreichen Sammlung des Museums ausgestellt.

Für LWL-Direktor Matthias Löb markiert die Eröffnung einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des Bocholter Industriemuseums. Bei der Vorstellung der Ausstellungen am Donnerstag (29.9.) in Bocholt skizzierte er die weiteren Planungen des LWL, der im Rahmen des Regionale 2016-Projektes „kubaai“ (Kulturquartier Bocholter Aa und Industriestraße) kräftig in seinen Standort investieren will: „Wenn Weberei und Spinnerei im nächsten Jahr durch eine Brücke über die Aa miteinander verbunden sind, wollen wir im wörtlichen Sinn Zäune einreißen und die bisherigen Hinterhöfe unserer Häuser zu einladenden, öffentlichen Plätzen gestalten. Wir wollen an der Weberei ein sogenanntes „Family-Lab“ bauen – einen Mix aus Themenspielplatz, Experimentierstationen, überbetrieblicher Ausbildung und Forscherlaboren. Und wir wollen ein Archiv der Textilmuster einrichten, das zum Treffpunkt für die Designszene werden könnte“, so Matthias Löb. Damit werde das Textilwerk zum Herzstück des neuen Stadtquartiers. Um das Archiv aufnehmen zu können, müssen die Dachkonstruktion und -aufbauten der ehemaligen Schlichterei ebenso saniert werden wie die Tragkonstruktion und die Entwässerung. Dabei soll die technische Einrichtung wie die Geräte zur Wasseraufbereitung oder die Gleise der Lorenbahn erhalten bleiben. Außerdem soll die Schlichterei als rückwärtiges Eingangsgebäude der Spinnerei genutzt werden. Dazu soll eine langgezogene Stahlrampe einen barrierefreien Zugang zum Foyer ermöglichen. Im Bereich der Rampe will das LWL-Museum Großmaschinen der Textilindustrie zeigen und die Schlichterei so zur begehbaren Großvitrine machen. Das Projekt mit einem Investitionsvolumen von rund 3,1 Millionen Euro soll aber nur umgesetzt werden, wenn das Land Nordrhein-Westfalen maßgeblich dabei hilft.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Kardensaal, der „parcours de la mode“ zeigt Kleider und Accessoires aus 120 Jahren. Davor sind Musterbücher aus der umfangreichen Sammlung des Museums ausgestellt.

Einen Teil aus dem großen Fundus textiler Musterbücher präsentiert das LWL-Industriemuseum bereits jetzt in einer über 20 Meter langen Glasvitrine. Als Laufsteg aufgebaut, lädt der „Parcours de la Mode“ im Erdgeschoss der Spinnerei mit Originalkleidung aus der Zeit zwischen 1880 und 2000 zu einem Streifzug durch die Geschichte der Mode ein. „Diesen Bereich der Ausstellung werden wir regelmäßig erneuern“, kündigte Museumsdirektor Dirk Zache an. Eine Etage höher lernen Besucher auf einer Fläche von 900 Quadratmetern die Welt der westfälischen Textilunternehmer kennen. „Die Macher, die heute wie vor 150 Jahren Entscheidungen treffen, Produkte entwickeln oder neue Vertriebswege aufbauen, rücken mit dieser Ausstellung erstmals ins Zentrum“, so Dirk Zache.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Kardensaal, der „parcours de la mode“ zeigt Kleider und Accessoires aus 120 Jahren. Davor sind Musterbücher aus der umfangreichen Sammlung des Museums ausgestellt.


„Die Macher und die Spinnerei“

Über 500 Exponate haben die Ausstellungsmacher für die Schau in Szene gesetzt. Zu sehen ist beispielsweise der Schreibtisch des Textilunternehmers Carl Herding, den er Anfang des 20. Jahrhunderts gekauft hat und über viele Jahrzehnte hinweg benutzte. Eine Quittung für einen gebrauchten Konzertflügel und ein preisgünstiges Modell eines Füllhalters verweisen darauf, dass die Firmenbosse der Region zwar auf globalen Märkten agierten, in der Heimat jedoch eher bescheiden lebten. Auch die ausgestellten Porträts zeugen weniger von Prunk, als viel mehr von der Verpflichtung gegenüber der Familientradition. Die Ausstellung bleibt aber nicht in der Vergangenheit stehen: An einem Medientisch kommen 14 Unternehmer aus der Region zu Wort. Besucher können ihren Antworten auf Fragen zu Motiven, Entscheidungen und Einschätzungen zuhören.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Kardensaal, der „parcours de la mode“ zeigt Kleider und Accessoires aus 120 Jahren. Davor sind Musterbücher aus der umfangreichen Sammlung des Museums ausgestellt.

Der neue Teil des Museums verzahnt die Lebens- und Geschäftswelt der Unternehmer mit der Produktion. Deshalb präsentiert das LWL-Industriemuseum teils gewaltige Maschinen aus seiner Sammlung, die in ihrem Umfang und der Bandbreite als einmalig in Europa gilt. Einige der Relikte aus der historischen Textilproduktion wurden in den vergangenen Jahren aufwändig restauriert und wieder funktionstüchtig gemacht. Die bis zu knapp 20 Meter langen Maschinen – vom „Öffnerzug“ aus dem Jahr 1910 bis zur „OE-Feinspinnmaschine“ von 1986 – dienten alle der Herstellung von Baumwollgarnen. Medienterminals zeigen historische Aufnahmen und erklären die Funktionsweise der Spinnmaschinen. „Einige dieser Maschinen werden wir unseren Besuchern regelmäßig vorführen“, kündigt LWL-Museumsleiter Dr. Hermann Josef Stenkamp an.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Kardensaal, der „parcours de la mode“ zeigt Kleider und Accessoires aus 120 Jahren. Davor sind Musterbücher aus der umfangreichen Sammlung des Museums ausgestellt.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, „Die Macher und die Spinnerei“

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, „Die Macher und die Spinnerei“, an einem modernen Medientisch kommen 14 Unternehmer aus der Region zu Wort

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, „Öffnerzug“, Hersteller Howard & Bullough Ltd., Accrington, Lancashire, England, 1910

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, „Öffnerzug“, Hersteller Howard & Bullough Ltd., Accrington, Lancashire, England, 1910

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, Krempel/Kardiermaschine/Karde, Hersteller Howard & Bullough Ltd., Accrington, Lancashire, England, 1907

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, Flügelspinnmaschine/Flyer (Vorspinnmaschine) mit vorgelegtem Streckband, 1961

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, Flügelspinnmaschine/Flyer (Vorspinnmaschine), 1961

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, Ringspinnmaschine

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Flyersaal 2, Rotorspinnmaschine, 1980


„Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“, „Berliner Familie“ nennt die japanische Künstlerin Kaoru Hirano diese Dreiergruppe

In einem weiteren Spinnsaal im zweiten Obergeschoss, dem sogenannten „Atelier Industrie“, ist vom 2. Oktober 2016 bis 29. Januar 2017 die Sonderausstellung „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“ mit Werken der Künstlerinnen Gali Cnaani (* 1968) aus Israel und Kaoru Hirano (* 1975) aus Japan zu sehen. Beide verbindet ihr radikaler Ansatz, Kleider bis auf die Fäden aufzulösen und mit den offengelegten Strukturen Neues zu schaffen.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“

Die beiden Künstlerinnen gehen beide von Second-Hand-Kleidung aus, die sie auf unterschiedliche Art auflösen und weiterverarbeiten. Die Präsentation in Bocholt ist so aufgebaut, dass die künstlerischen Positionen in einen Dialog treten. Die Ausstellung gliedert sich inhaltlich in vier Bereiche, die jeweils einem Thema der Kunst von Gali Cnaani und Kaoru Hirano gewidmet sind.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“

Zunächst werden verschiedene Dimensionen von Dekonstruktion vor Augen geführt. Was motiviert beide Künstlerinnen dazu, in einem äußerst zeitraubenden und monotonen Prozess vorhandene Kleidungsstücke aufzulösen? Gefragt wird auch nach den Strukturen, die durch die Dekonstruktion freigelegt wurden. Im Falle von Gali Cnaani sind sie vor allem formaler Natur. Denn die israelische Künstlerin interessiert sich für die „Bauprinzipien“ des Textilen. Hirano hingegen erzeugt mit ihren Objekten Assoziationsräume. Sie beziehen sich auf die Menschen, die einst die nun umgearbeitete Kleidung getragen haben.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“

Ein weiterer Bereich steht im Zeichen der Rekonstruktion. Denn die beiden Künstlerinnen bilden auf unterschiedliche Art und Weise die ursprünglichen Kleidungsstücke nach und schaffen dabei gleichzeitig schöpferische Neuinterpretationen. „Schließlich werden die gezeigten Werke als Akte der Erinnerung gedeutet, die formal, experimentell, forschend, existenziell oder psychologisch ausfallen können“, erklärt Kurator Martin Schmidt vom LWL-Industriemuseum.

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“

„Die Ausstellung präsentiert zwei Spielarten moderner Kunst, die in ihrer Suche nach Form und Sinn eine eindrucksvolle technische Finesse mit höchster ästhetischer Ausdruckskraft verbindet“, so Martin Schmidt. „Beide Künstlerinnen nehmen Maß am Menschen, dessen konkrete Kleidung sie in abstrakte Kunst verwandeln. Diese lädt den Betrachter ein, die reiche Ikonographie zu entdecken, die der so sinnlichen Materialität des Textilen eigen ist.“

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2, „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“, Kaoru Hirano

TextilWerk Bocholt, Spinnerei, Drosselsaal 2

Mittwoch, 28. September 2016

Vorschau: Herbstfest bei der Hespertalbahn

Mit einem Fest läutet die Hespertalbahn am 2. und 3. Oktober 2016 den Herbst ein. An beiden Tagen verkehren die Museumszüge im 75-Minuten-Takt ab 10.30 bis 16.45 von Essen-Kupferdreh (HTB) nach Haus Scheppen. Gezogen werden sie im Wechsel von der Dampflok D8 und der Diesellok V1. Am Endbahnhof besteht die Möglichkeit zum Verweilen bei einem kühlen Getränk und Würstchen vom Grill. Außerdem werden dort Mitfahrten auf dem Führerstand einer Lok angeboten.

Krupp Nassdampf-Tenderlokomotive, Typ „Knapsack“, Fabriknummer 3435, Baujahr 1961

Am Montag kommen zusätzlich die Schlepperfreunde Ruhrtal nach Haus Scheppen und laden zu Mitfahrten auf historischen Traktoren oder im Planwagen ein. Befahren wird die ehemalige Streckenfortsetzung der Hespertalbahn ab Haus Scheppen nach Hesperbrück an der Hammer Straße. In Kupferdreh steht unterdessen als besonderer Gast eine Groß-Dampflokomotive der Baureihe 52 zur Besichtigung bereit, natürlich auf den Rädern und nicht auf dem Kopf.

„La Tortuga“ von Wolf Vostell (1987), auf den Kopf gestellte Lokomotive 52 2751

Außerdem werden am 3. Oktober 2016 letztmalig in diesem Jahr wieder die beliebten zweistündigen Wanderungen über das Gelände der ehemaligen Zeche Pörtingssiepen angeboten, bei denen es viele interessante Informationen über den früheren Betrieb der Zechenbahn und des Bergwerks gibt.

Ehemaliger Standort der Zeche Pörtingssiepen, am 7. Dezember 1982 aufgestellte Seilscheibe, nachdem der Förderturm am 24. Juni 1982 gesprengt wurde

Weitere Informationen zum Programm des Festes und den Fahrplänen stehen im Internet unter www.hespertalbahn.de/herbstfest.

Die Hespertalbahn weist auf einen Fehler im gedruckten Fahrplan hin: Am 4. Oktober verkehren keine Züge.

Bewerbung um IGA 2027 geht in entscheidende Phase

Metropole Ruhr gibt regionale Visitenkarte ab

Die Metropole Ruhr bewirbt sich um die Ausrichtung der Internationalen Gartenausstellung im Jahr 2027. Regionaldirektorin Karola Geiß-Netthöfel und Josef Hovenjürgen, Vorsitzender der Verbandsversammlung des Regionalverbandes Ruhr, haben am 27. September 2016 im Beisein kommunaler Spitzenvertreter des Ruhrgebiets die Bewerbungsunterlagen an die Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft (DBG) übergeben.

Dazu Josef Hovenjürgen: „Mit der IGA 2027 wird die Metropole Ruhr zum Schauplatz für innovative Landschafts- und Freiraumentwicklung. Ganz selbstbewusst wollen wir den ökologischen Wandel des Ruhrgebiets zu einem modernen und lebenswerten Ballungsraum nationalen und internationalen Besuchern zeigen.“

Karola Geiß-Netthöfel ergänzt „Erstmals bewirbt sich eine ganze Region um eine Internationale Gartenausstellung und beschreitet so ganz neue, spannende Wege der Präsentation. Die Städte und Kreise der Metropole Ruhr haben bereits bei der Internationalen Bauausstellung Emscher Park und der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 erfolgreich unter Beweis gestellt, dass sie im Schulterschluss ein solches Großereignis meistern können.“

Um sich ein Bild von den potenziellen Schauplätzen einer IGA 2027 im Ruhrgebiet zu machen, hat eine zehnköpfige Bewertungskommission der Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft am 27. September 2016 einige der Highlights der Stadt- und Freiraumplanung besucht. Mit einer Entscheidung der DBG ist in vier bis sechs Wochen zu rechnen.

Jochen Sandner, Geschäftsführer der Deutschen Bundesgartenschau-Gesellschaft mbH (DBG) meint: „Schon Gelsenkirchen hat mit der BUGA 1997 die Entwicklungschancen vom Zechengelände zum Zukunftsstandort wahrgenommen. Die Inhalte der Machbarkeitsstudie für die IGA Metropole Ruhr 2027 haben die Dimension aufgezeigt, mit der ein Strukturwandel des gesamten Landschaftsraums und die Vernetzung der Städte verwirklicht werden könnte. Das war beeindruckend. Der Gartenbau in seiner ganzen Vielfalt von Produktionsgartenbau, Garten- und Landschaftsbau sowie den Baumschulen wird ein wichtiger und kompetenter Partner sein, um die vielen Teilprojekte umzusetzen. Ich bin mir sicher, dass die Region mit der Aufmerksamkeit, die eine IGA stets generiert, eine hohe Imageaufwertung in der positiven Wechselwirkung von Besuchern und Bewohnern erfahren wird.“

Wenn die Metropole Ruhr den Zuschlag bekommt, wird in einem nächsten Schritt das in der Machbarkeitsstudie zur IGA 2027 vorgeschlagene Konzept gemeinsam mit den Städten und Kreisen des RVR und weiteren Partnern konkretisiert. Dazu werden Wettbewerbe initiiert und Masterpläne entwickelt, die Inhalte sowie Kosten – bezogen auf einzelne Haushaltsjahre und Standorte – detailliert darlegen. Die Kostenschätzung der Machbarkeitsstudie dient dabei als Rahmenplanung. Bis Ende 2017 soll der Prozess abgeschlossen sein. Auf dieser Grundlage entscheiden die politischen Gremien abschließend, ob das Ruhrgebiet die IGA 2027 durchführen kann. Die Planungsergebnisse sind Grundlage eines mit der DBG abzuschließenden Vertrages.


Eine Idee nimmt Formen an

Die RVR-Verbandsversammlung hat am 11. März 2016 beschlossen, dass die Ruhrgebiets-Bewerbung um die IGA 2027 bei der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft in Berlin eingereicht wird. Eine vom RVR im Vorfeld in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie bescheinigt, dass eine regionalweite Ausrichtung der IGA im Ruhrgebiet durchführbar ist und zahlreiche Gäste anlocken wird.

Das von der Bürogemeinschaft Sinai (Berlin), scheuvens + wachten (Dortmund) und Imorde (Münster/Berlin) entwickelte IGA-Konzept sieht ein dezentrales Großereignis vor, das auf drei Ebenen realisiert werden kann: Fünf „Zukunftsgärten“ inklusive dreier Leistungsschauen sollen als Hauptinvestitions- und Haupteventstandorte (Hotspots) fungieren und umweltbezogene Kernfragen zu Klima und Energie begreifbar machen. Auf der zweiten Ebene „Unser Garten“) werden etwa 20 bis 25 der schönsten vorhandenen Parks und Gärten in der Region präsentiert. Auf der dritten Ebene erhalten die vielen Umweltinitiativen von Menschen aus dem Ruhrgebiet wie Urban-Gardening-Projekte unter dem Schlagwort „Dein Garten“ ein Forum.

Getragen werden soll die Internationale Gartenbauausstellung von den 53 Kommunen und vier Kreisen der Metropole Ruhr, von Verbänden wie Emschergenossenschaft und Lippeverband, der regionalen Wirtschaft und bürgerschaftlichem Engagement gemeinsam mit dem Land NRW.

Den Zuschussbedarf für die Durchführung der IGA Metropole Ruhr 2027 schätzt die Studie auf etwa 42 Millionen Euro, verteilt auf mehrere Schultern und auf mehrere Jahre.

Das Großereignis würde umfangreiche Investitionen auslösen, geschätzt wird eine Höhe von über 300 Millionen Euro. Diese müssten aus unterschiedlichen Fördertöpfen finanziert werden. Zum Vergleich: Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscherpark wurden grüne Maßnahmen (Haldengestaltung, Radwege, Parkanlagen) mit einem Volumen von rund 500 Millionen Euro realisiert.

In Deutschland findet die IGA in der Regel alle zehn Jahre statt. 2017 wird die Internationale Gartenbauausstellung in Berlin eröffnet. Die nächste IGA wird 2027 in der Bundesrepublik stattfinden.

Dienstag, 27. September 2016

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“

Sonderausstellung in der Galerie des Ruhr Museums

Mit einer Auswahl der besten Stücke der Archäologischen Sammlung setzt das Ruhr Museum ab dem 28. September 2016 die Reihe seiner Ausstellungen und Kataloge aus eigenen Beständen fort. Nach „Von A bis Z. Die Fotografische Sammlung des Ruhr Museums“, „Von A bis Z. Fotografie im Ruhr Museum, Teil 2“, „Ausgewählt. Vormoderne im Ruhr Museum“, „Steinreich. Mineralogie im Ruhr Museum“ und „Arbeit & Alltag. Industriekultur im Ruhr Museum“ ist nun die breit aufgestellte Archäologische Sammlung an der Reihe. Die Ausstellung erfolgt mit Unterstützung der Freunde und Förderer der Archäologischen Sammlungen e. V.

Ausstellungsplakat „Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, © Ruhr Museum, Fotos: Rainer Rothenberg, Gestaltung: Uwe Loesch

Mit der Präsentation der Archäologischen Sammlung beweist das Ruhr Museum erneut, dass es zwar das Regionalmuseum des Ruhrgebiets ist, aber durchaus über große, bedeutende überregionale und internationale Sammlungen verfügt. Über 50.000 Fundstücke aus allen Epochen der Mensch­heits­ge­schichte und unterschiedlichen Regionen sind in mehr als 100 Jahren in das Museum gelangt. Sie alle wurden einmal als Bodenfunde aus dem Erdreich ans Tageslicht gebracht und sind somit „ausgegraben“.

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Kopfteil eines Sarkophagdeckels, Fundort unbekannt; Ende Spätzeit bis Anfang Griechisch-Römische Zeit, ca. 380 – 300 v. Chr., Kalkstein


Die Archäologische Sammlung des Ruhr Museums

Die Geschichte der Archäologischen Sammlung des Ruhr Museums ist lang. Sie geht zurück auf den 1880 gegründeten „Historischen Verein für Stadt und Stift Essen“. Er trug erste Altertümer zusammen und zeigte sie seit 1904 im Essener Museum. Einen wesentlichen Grundstock bildet bis heute die 1912 angekaufte Sammlung des Straßburger Archäologen Dr. Robert Forrer (* 9. Januar 1866 in Meilen, † 9. April 1947 in Straßburg). Der erste Direktor des späteren Ruhr­land­museums, Dr. Ernst Kahrs (* 23. Juni 1876 in Münster, † 19. November 1948 in Obernkirchen), erweiterte bis in die 1930er-Jahre den Bestand vor allem durch Grabungen in der Region beträchtlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte man verstärkt Zeugnisse der Hochkulturen des Alten Orients und des Mittelmeerraums an – sie sollten die Entwicklung des Gebiets an Rhein und Ruhr in den großen Rahmen der europäischen Kulturentwicklung setzen. Als am 29. November 1984 die neue Dauerausstellung des Ruhrlandmuseums im Museumszentrum an der Goethestraße eröffnet wurde, ließen sich die archäologischen Sammlungsbestände nicht mehr in das neue Museumskonzept integrieren, in der Presse wurde sogar über einen möglichen Verkauf spekuliert. Nachdem sich Historiker der Gesamthochschule Essen für den Verbleib der Sammlung eingesetzt hatten, wurde diese im neu gegründeten „Museum Altenessen für Archäologie und Geschichte“ gezeigt. Dr. Ulrich Borsdorf (* 2. Dezember 1944 in Jüterbog) betrieb seit seiner Ernennung zum Museumsleiter im Jahr 1986 die Integration der Archäologischen Sammlung in das Ruhrlandmuseum, nach der Schließung des Museums Altenessen 1993 kehrte sie dorthin zurück.

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Mumienmaske einer Frau, wahrsch. aus Mittelägypten; Griechisch-Römische Zeit, römisch, ca. Mitte 2. Jahrhundert n. Chr., Stuck (Gips), Glaspaste

In neuerer Zeit bereichern die Funde der Essener Stadt­archäologie die Bestände und erweitern den archäologischen Horizont bis in die Industriezeit. So zeigt die Sammlung in ihrer wechselhaften Entwicklung und in ihrem entsprechenden Bestand die ganze Bandbreite zwischen einer internationalen und einer regionalen Ausrichtung. In ihren Sammlungs­traditionen offenbart sie dabei die für die Institution Museum so typische Spannbreite zwischen dem Eigenen und dem Fremden, der Vergewisserung der eigenen Geschichte und der Faszination fremder Kulturen und Epochen.

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Apulisch-rotfiguriger Volutenkrater, Fundort unbekannt; klassisch, unteritalisch, 340 – 330 v. Chr., Ton


Die Ausstellung „Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“

Die Ausstellung zeigt mit über 400 Stücken die ganze Band­breite der Archäologischen Sammlung des Ruhr Museums, ergänzt durch antike Münzen aus der Numismatischen Sammlung. Sie zeigt Funde aus Ägypten und dem Vorderen Orient, aus Griechenland, Italien und dem Römischen Weltreich, aber eben auch Grabungsfunde aus dem Ruhrgebiet und – dank der Stadtarchäologie – auch aus Essen. Als inhaltliche Klammer dient die grundlegende Gemeinsamkeit aller ausgestellten Objekte: ausgegraben worden zu sein.

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Sarg der Dame Iti-ibi, angebl. aus Assiut; Mittleres Reich, Mitte 12. Dynastie, ca. 1880 – 1830 v. Chr., Zedernholz

Auftakt der zehn Abteilungen bilden ausgewählte Stücke der prähistorischen Sammlung Robert Forrer, die im Ganzen den Grundstock der archäologischen Bestände des Museums bildet. Die weitere Gliederung folgt der aus der archäologi­schen Wissenschaft bekannten Einteilung in Epochen und Kulturkreise. Demnach repräsentieren Werkzeuge, Geräte, Waffen und zum Teil kunstvoll bemalte Kera­miken die Hochkulturen im Alten Orient und Alten Ägypten, den Einflussbereich der antiken Griechen von Süditalien bis Zypern, die Etrusker und Italiker und schließlich die römische Kultur, die in ihrer Blütezeit über weite Teile der damals bekannten Welt verbreitet war.

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Sarg der Dame Iti-ibi, angebl. aus Assiut; Mittleres Reich, Mitte 12. Dynastie, ca. 1880 – 1830 v. Chr., Zedernholz

Durch eine teils gemeinsame Geschichte sind die Bestände des Ruhr Museums und des Museum Folkwang miteinander verwoben. Die Ausstellung wird daher in diesen Abschnitten mit 13 ausgesuchten Leihgaben des Museum Folkwang ergänzt. Beigaben aus Gräbern und Zeugnisse der Alltags­kultur veranschaulichen das Leben der Menschen in der Vor- und Frühgeschichte West- und Mitteleuropas von der Steinzeit bis ins frühe Mittelalter. In den folgenden beiden Abteilungen konzentriert sich der Blick auf ausgewählte Stücke der Archäologie an Rhein und Ruhr und der Essener Stadtarchäologie. Am Ende der Ausstellung zeigt die Abteilung Unecht weitere Facetten der Sammlung abseits der originalen Bodenfunde – Kopien, Modelle und Fälschungen.

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Etruskisch-italische Votivkopf eines Jünglings, Fundort unbekannt; Ende 5. Jahrhundert v. Chr., Ton

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Apulisches Doppelgefäß, Fundort unbekannt; erste Hälfte 3. Jahrhundert v. Chr., Ton

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Riefelsarkophag mit drei Grazien, Italien; spätantoninisch bis frühseverisch, 180 – 200 n. Chr., Marmor

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Riefelsarkophag mit drei Grazien, Italien; spätantoninisch bis frühseverisch, 180 – 200 n. Chr., Marmor

„Keine Angts vor nackten Männern“: Prof. Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums, Dr. Patrick Jung, Kurator der Ausstellung, und Professor em. Dr. Justus Cobet, Freunde und Förderer der Archäologischen Sammlungen e. V.

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Statue eines Jünglings, Fundort unbekannt; 1. Jahrhundert n. Chr., Marmor

„Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“, Lackprofil des Teiches er ehemaligen Abtei zu Essen-Werden, Essen-Werden, Folkwang Hochschule; karolingerzeitlich, ca. zweites Viertel 9. Jahrhundert n. Chr., Teichsedimente auf Baumwollgewebe und Glasfasermatte mit Polyesterharz

Die Ausstellung „Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“ ist vom 28. September 2016 bis 3. September 2017 täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, am 24., 25. und 31. Dezember geschlossen. Der Eintritt beträgt 3 EUR, ermäßigt 2 EUR, Kinder und Jugendliche bis einschließlich 17 Jahre haben freien Eintritt. Der Katalog zu dieser Ausstellung ist im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen. Er umfasst 304 Seiten mit ca. 125 Abbildungen und kostet im Museumsshop 19,80 Euro, sonst 29,80 Euro. Neben einer vierteiligen Vortragsreihe und einer Gesprächsrunde werden im Begleitprogramm verschiedenen Führungen durch die Ausstellung angeboten.

Thomas Kufen, Oberbürgermeister des Stadt Essen, bei der Eröffnung der Ausstellung „Ausgegraben. Archäologie im Ruhr Museum“