Donnerstag, 30. Juni 2016

Marjan Shaki, Bettina Mönch und Katharine Mehrling ab Herbst als Evita im Wiener Ronacher

Hochkarätige Besetzung bei der Wiederaufnahme

„Evita“ – nach der Lebensgeschichte von Eva Perón; Musik: Andrew Lloyd Webber, Lyrics, Buch: Tim Rice; Inszenierung, Choreografie: Vincent Paterson; Bühne: Stephan Prattes; Kostüme: Robert Schwaighofer; Lichtdesign: Andrew Voller; Sounddesign: Thomas Strebel; Musikalische Leitung: Koen Schoots. Darsteller: Drew Sarich (Che), Marjan Shaki/Bettina Mönch/Katharine Mehrling (Eva Perón), Felix Martin (Juan Perón), Taryn Nelson (Mistress, Peróns Geliebte vor Eva), Sasha Di Capri (Agustín Magaldi), Birgit Arquin, Frank Brunet, Danilo Brunetti, Anna Burger, Fabio Diso (Cover Che, Agustín Magaldi), Melanie Dull, Marta Di Giulio, Angela Isabelle Eberlein, Laura Friedrich Tejero, Rhys George, Michelle Catherine Härle, Mischa Kiek (Cover Agustín Magaldi), Paul Knights, Miruna Mihailescu, Kevin Perry, Sina Pirouzi (Cover Eva Perón, Mistress), Rob Pitcher (Cover Juan Perón), Stefan Schmitz, Wolfgang Schwingler, Ariane Swoboda, Timo Verse, Claudia Wauschke, André Naujoks (Swing), David Rodriguez-Yanez (Swing), Anna Julia Rogers (Swing), Susanne Ten Harmsen (Swing). Uraufführung: 21. Juni 1978, Prince Edward Theatre, London. Broadway Premiere: 25. September 1979, Broadway Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 20. Januar 1981, Theater an der Wien, Wien. Premiere: 9. März 2016, Wiederaufnahme: 15. September 2016, Ronacher, Wien.

Das Erfolgsmusical „Evita“ von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice feierte gestern die letzte Vorstellung vor der Sommerpause und ist im Ronacher wieder ab 15. September bis Ende Dezember 2016 zu sehen. Das Musical feierte am 9. März 2016 in der Inszenierung von Regisseur und Choreograf Vincent Paterson Premiere, der bereits die Choreografie für die Hollywood-Verfilmung von „Evita“ mit Weltstar Madonna entwarf. Bei der Wiederaufnahme darf sich das Publikum über zwei weitere Darstellerinnen in der Hauptrolle freuen: Neben Sängerin, Schauspielerin und Songwriterin Katharine Mehrling, die bereits in der ersten Spielsaison die Rolle der Eva Perón verkörperte, werden darüber hinaus Marjan Shaki und Bettina Mönch in der Titelrolle zu sehen sein.

Marjan Shaki, Katharine Mehrling und Bettina Moench.
© VBW/Herwig Prammer

Ab 15. September bis Mitte Oktober wird Marjan Shaki in die Rolle der Evita schlüpfen. Sie ist dem Publikum aus VBW-Produktionen wie „Tanz der Vampire“ als Sarah, „Romeo und Julia“ als Julia, der ORF Erfolgs-Show „Dancing Stars“ sowie Auftritten in Film und TV-Produktionen bestens bekannt. Danach übernimmt Musicalstar Bettina Mönch (Amneris in Elton John´s „Aida“, Ulla in der deutschsprachigen Erstaufführung von „The Producers“ am Wiener Ronacher und im Berliner Admiralspalast, Lina Lamont in „Singin’ in the Rain“ an der Oper Graz und am Stadttheater Klagenfurt sowie am Münchener Staatstheater am Gärtnerplatz, Reno Sweeney in „Anything Goes“ am Theater St. Gallen, Polly Baker in „Crazy for you“ am Theater Magdeburg, Sally Bowles in „Cabaret“ bei den Bad Hersfelder Festspielen, Audrey in „Der kleine Horrorladen (Little Shop of Horrors)“, Sheila in „Hair“ am Staatstheater am Gärtnerplatz, München u. a.) bis Ende November den Part der schillernden argentinischen Nationalheldin. Bettina Mönch war in der Titelrolle in „Evita“ in der Spielzeit 2014/15 bereits an der Oper Graz zu erleben und wird in der Spielzeit 2016/17 ab 4. September 2016 auch in dieser Rolle am Theater Bonn auf der Bühne stehen. Außerdem wird sie als Gloria Mills in „Axel an der Himmelstür“ an der Volkoper Wien zu sehen sein. Katharine Mehrling kehrt dann von Ende November bis zur Derniere in dieser Paraderolle ans Ronacher zurück.

Marjan Shaki, Drew Sarich, Katharine Mehrling und Bettina Moench.
© VBW/Herwig Prammer

In der Rolle des Peron wird ab Herbst Musicalstar Felix Martin (u. a. „Elisabeth, „Mozart!, „Les Misérables, „Freudiana, TV-Serie „Ich heirate eine Familie) zu sehen sein. Er ist somit endlich auch wieder in Wien zu erleben. Publikumsliebling Drew Sarich (u. a. „Tanz der Vampire“, „Sister Act“, „Jesus Christ Superstar“, „Messiah Rocks“), Premierenbesetzung des Che, ist auch im Herbst wieder mit dabei.

Die genauen Spieltermine von Katharine Mehrling, Bettina Mönch und Marjan Shaki sollen der VBW-Website unter www.musicalvienna.at zu entnehmen sein.

Mittwoch, 29. Juni 2016

Erweiterung der Fotografischen Sammlung des Ruhr Museums mit Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung

Die Fotografische Sammlung des Ruhr Museums stärkt mit dem Ankauf von drei Konvoluten der Fotografen Diether Münzberg, Klaus Sannemann und Joachim Schumacher ihren Sammlungsbestand. Insgesamt wurden 111.118 Negative und zahlreiche Vintage- und Modern-Prints erworben. Sie erweitern mit bedeutenden wie qualitativ hochwertigen Aufnahmen den Bestand und schließen wichtige Sammlungslücken.

Die drei Konvolute, die in die Fotografische Sammlung übergehen, sind Teil eines gemeinsamen Ankaufs des Ruhr Museums, der nur durch die erneute großzügige Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Höhe von 27.000 Euro möglich wurde. Zuletzt war 2012 der Ankauf des Fotoarchivs des Essener Fotografen Henning Christoph mit dem Schwerpunkt zum Thema Migration durch die Stiftung realisiert worden.

Der im Sommer 2016 abgeschlossene, komplexe Ankauf wurde von der Fotografischen Sammlung zusammen mit den drei Fotografen mit großem Engagement über vier Jahre vorbereitet.


Die Fotografische Sammlung

Die Fotografische Sammlung des Ruhr Museums versteht sich als Bildgedächtnis des Ruhrgebiets. Sie existiert seit 1989, wird seitdem in Ausstellungen präsentiert und ständig erweitert. Mittlerweile ist sie das größte und bedeutendste Archiv historischer und zeitgenössischer Fotografien der Region, ihrer Landschaften und Städte, der Menschen, der Arbeit und der Freizeit, des Alltags und der Feste. Zu den Beständen mit etwa vier Millionen Negativen und einigen zehntausend Abzügen und Dias zählen umfangreiche Fotografen-Nachlässe und Archive. Der in den Fotografien dokumentierte Zeitraum reicht vom Beginn der Fotografie im 19. Jahrhundert bis heute, mit Schwerpunkten in den fünfziger bis siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts.


Diether Münzberg

Diether Münzberg wurde 1946 geboren. Er studierte an der Werkkunstschule Köln bei Arno Jansen und an der FH Bielefeld bei Gottfried Jäger Fotografie. Seit 1982 unterrichtete er Fotografie und historische fotografische Verfahren. Er erhielt 1998 eine Honorarprofessur an der FH Bielefeld und 2005 eine ordentliche Professur für visuelle Medien an der privaten FH des Mittelstandes in Bielefeld. Seit 1985 nimmt er an Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland teil.

Trinkhalle, Stapeltor, Duisburg, Ende 1970er Jahre
(© Fotoarchiv Ruhr Museum; Foto: Diether Münzberg)

Münzbergs Bildsprache ist in seinen frühen Fotografien bildjournalistisch, später dann streng dokumentarisch. Einige seiner Stadtansichten ähneln oberflächlich jenen Joachim Schumachers oder Wilhelm Schürmanns – was einzig und allein der gemeinsamen Auffassung einer zurückgenommenen Dokumentation zu verdanken ist. Herausragend sind seine Kinderporträts, die mit Arbeiten Rosalind Solomons, Diane Arbus und jenen weiterer US-amerikanischer Fotografen verglichen werden können. Seine Panoramen, die in Kooperation mit dem Museum Folkwang und ursprünglich als Auftrag für die Ruhrkohle AG, entstanden sind, stellen einen weiteren Höhepunkt seines Schaffens dar. Diese Panoramen sind mit den 360-Grad-Sichten herausragende Dokumente aus Ruhrgebietsstädten Mitte der 1980er-Jahre. Sie provozieren geradezu einen „Retake“. Die Panoramen laden zu urbanistischen, soziologischen und historischen Forschungen ein.


Klaus Sannemann

Klaus Sannemann wurde 1951 geboren. Er studierte Vermessungstechnik, um dann ein Volontariat bei der WAZ und der Westfälischen Rundschau in Dortmund zu absolvieren. Es folgte eine freiberufliche und angestellte Tätigkeit bis 1987. 1987 bis 2006 war er Werksfotograf bei der Ruhrkohle AG.

Bergleute der Zeche Minister Stein, Dortmund 1980
(© Fotoarchiv Ruhr Museum; Foto: Klaus Sannemann)

Durch die Breite seiner Themen und die relativ gute Aufbereitung des vorhandenen Materials, ist ein Ankauf des Konvoluts Sannemann eine notwendige Ergänzung des Fotoarchivs mit dem Schwerpunkt „östliches Ruhrgebiet“, das schon lange ein Desiderat darstellte. Besonders interessant sind Sannemanns Dokumentationen aus dem Bergbau sowie seine Milieubilder des Ruhrgebiets der 1980er Jahre.


Joachim Schumacher

Joachim Schumacher, geboren 1950, studierte nach einem Fotopraktikum bei Prof. Otto Steinert visuelle Kommunikation/Schwerpunkt Fotografie an der Gesamthochschule Essen. Er arbeitete für das Presseamt/Amt für Stadtwerbung der Stadt Essen (1978 – 1980) und ist seitdem freiberuflich tätig. Er war an zahleichen regionsfotografischen Projekten beteiligt: Untertage-Übertage, Bergarbeiterleben heute (1984); Endlich so wie überall? (1985) und Vis-a-vis (1993). Schumachers Auftraggeber waren und sind u. a. der Regionalverband Ruhr, die Emschergenossenschaft und privatwirtschaftliche Unternehmen im Ruhrgebiet. Er nimmt an zahlreichen nationalen Ausstellungen teil und vertritt vor allem im Ruhrgebiet eine zentrale dokumentarfotografische Position.

Am Hauptbahnhof, Essen-City 1977
(© Fotoarchiv Ruhr Museum; Foto: Joachim Schumacher)

Joachim Schumacher ist einer der bekanntesten fotografischen Chronisten des Ruhrgebiets, der seit den 1970er Jahren bis heute konsequent seine Themen und Bildsprache beibehalten hat. Er erforscht auf äußerst sachliche Art und Weise die Landschaften und Städte des Ruhrgebiets in seiner Gänze. 77 Schwarzweiß-Vintage-Prints befinden sich bereits in der Sammlung des Ruhr Museums.

Dienstag, 28. Juni 2016

„Hello Again“ – Das Folkwang Musical 2016

„Hello Again“ – nach dem Drama „Reigen“ von Arthur Schnitzler; Musik, Buch und Songtexte: Michael John LaChiusa; Deutsche Bearbeitung: Roman Hinze; Regie: Gil Mehmert; Choreografie: Karen D. Savage; Ausstattung: Eva-Maria von Acker; Regieassistenz/Abendspielleitung: Sandra Wissmann; Produktionsleitung/Projektkoordination: Michael Masberg; Musikalische Leitung: Patricia M. Martin. Darsteller: Alina Grzeschik (Die Hure), Elias Krischke (Der Soldat), Karen Müller (Die Krankenschwester), Michael Heller (Student), Florentine Kühne (Die junge Frau), Marvin Schütt (Der Ehegatte), Jan Rogler (Das junge Ding/Fred), Philipp Nowicki (Autor/Popsänger), Eva Löser (Die Schauspielerin/Ginger), Tom Zahner (Der Senator/Reporter/Steward), Anneke Brunekreeft (Musikvideo Krankenschwester/Swing-Trio), Lina Gerlitz (Primadonna 1950er-Jahre/Swing-Trio), Sarah Wilken (Primadonna 1912/Swing-Trio). Band: Patricia M. Martin (Keyboard), Johannes Still/Michael David Mills (Keyboard), Eunkyung Park (Violine), Hye Su Cha (Cello), Molly Wreakers (Horn), Malte Weber (Percussion), Sebastian Gerhartz/Nico Zöllner (Reeds). Off-Broadway Premiere: 30. Dezember 1993, Mitzi E. Newhouse Theater, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 1. März 2007, Akademietheater im Prinz­regenten­theater München. Premiere: 27. Juni 2016, Theater im Rathaus, Essen.



„Hello Again“


Das Abschlussprojekt der Studierenden im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste


Bei „Hello Again“ denkt womöglich der ein oder andere an den Schlager von Howard Carpendale, „Hello Again“ ist aber auch der Titel des Musicals von Michael John LaChiusa (* 24. July 1962 in Chautauqua, New York), das am 30. Dezember 1993 am Mitzi E. Newhouse Theater unter der Regie und Choreographie von Graciela Daniele am Licoln Center seine Off-Broadway Premiere feierte und das Regisseur Gil Mehmert („Das Wunder von Bern“, Uraufführung 23. November 2014, Theater an der Elbe, Hamburg) in diesem Jahr als Abschluss­projekt der Studierenden im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste in Kooperation mit dem Theater im Rathaus Essen inszeniert hat. Es basiert auf dem berühmten Schauspiel „Reigen“ des österreichischen Dramatikers Arthur Schnitzler (* 15. Mai 1862 in Wien, † 21. Oktober 1931 in Wien), das am 23. Dezember 1920 am Kleinen Schauspielhaus in Berlin uraufgeführt wurde und einen der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts auslöste. Alle seinerzeit im so genannten „Reigen Prozess“ der „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ Angeklagten wurden freigesprochen, schließlich wurde der Beischlaf auf der Bühne nicht gezeigt.

„Hello Again“: Alina Grzeschik (Die Hure) und Elias Krischke (Der Soldat)

Wie das Original folgt Michael John LaChiusas rasante Adaption einer Reihe von Liebesaffären zwischen zehn Personen aus allen Gesellschaftsschichten. Zwei Menschen umringen einander aus Lust oder Verzweiflung, doch bereits in der darauffolgenden Szene sucht der eine Partner mit einer anderen Person nach seinem Glück. Während sich Arthur Schnitzler im „Reigen“ auf die Moral in der Gesellschaft um die Jahrhundertwende in Wien konzentriert, spielt jede Szene in „Hello Again“ in einem anderen Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Amerika. Diese nicht-chronologische Zeitreise spiegelt sich auch in der Musik wider, deren Brandbreite von Opernzitaten über den Swing der 1940er und den Rock’n’Roll der 1950er bis zur Discomusik der 1970er Jahre und darüber hinaus reicht. Am 1. März 2007 wurde es in der Übersetzung von Roman Hinze vom vierten Jahrgang des Studiengangs Musical an der Bayerischen Theaterakademie August Everding am Prinzregententheater in München erstmalig in deutscher Sprache aufgeführt, Silvia Armbruster führte Regie, Nina Janke war in der Rolle der Hure zu sehen, Marc Lamberty als Soldat, Manuel Steinsdörfer als Student und Milica Jovanović als junge Ehefrau.

„Hello Again“: Alina Grzeschik (Die Hure) und Elias Krischke (Der Soldat)

Zum Inhalt:
Die Musicaladaption „Hello Again“ beginnt im Jahr 1900 mit einer Hure, die einem Soldaten ihre Dienste anbietet. Die nächste Szene spielt in den 1940er-Jahren, und der Soldat rangelt aus Angst, im Krieg sterben zu müssen, mit einer sympathischen Krankenschwester. Als nächstes wird die Krankenschwester in den 1960er-Jahren für einen Studenten zur Domina. In den 1930er-Jahren erscheint der Student als impotenter Liebhaber einer jungen Frau, mit der er nur an ungewöhnlichen Orten Sex miteinander haben kann. Während man in der nächsten Szene dem Ehemann begegnet, erfährt man, was die junge Frau zum Ehebruch treibt: Sogar während des Beischlafs mit ihrem Mann denkt sie an einen anderen. Die Szene erscheint in einem völlig anderen Licht, wenn in der nächsten Szene der Ehemann als Homosexueller vor dem drohenden Untergang der Titanic im Jahr 1912 mit einem Stricher Tango tanzt, den Michael John LaChiusa das junge Ding genannt hat. In den 1970er-Jahren lockt ein bisexueller Autor das junge Ding aus einer Disco zu sich nach Hause. Letztendlich schließt sich der Kreis der Liebenden, als der Senator die Schauspielerin verlässt und dann die Hure aus der ersten Szene besucht, die er gern lieben würde.

„Hello Again“: Elias Krischke (Der Soldat), Karen Müller (Die Krankenschwester), Anneke Brunekreeft, Lina Gerlitz, Sarah Wilken, Philipp Nowicki und Jan Rogler (Vocal Ensemble)

Indem Michael John LaChiusa, zu dessen späteren Arbeiten „Marie Christine“ (Broadway Premiere 2. Dezember 1999), „The Wild Party“ (Broadway Premiere 13. April 2000) oder „See what I wanna see“ (Off-Broadway Premiere 30. Oktober 2005) zählen, die im deutschsprachigen Raum ebenfalls eher unbekannt sind, jede Begegnung in „Hello Again“ in einem anderen Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ansiedelt, beispielsweise ist die Schauspielerin, die in den 1920er-Jahren mit dem Dramatiker schläft, in der darauffolgenden Szene immer noch eine Schauspielerin, aber die Geliebte des Senators in den 1980er-Jahren, ermöglicht ihm die Zeitreise mitunter witzige Anleihen bei Jaques Offenbach, Glenn Miller, Irving Berlin oder dem Discosound der 1970er-Jahre, um die Stimmung und den Stil jeder Dekade auch musikalisch festzuhalten. Seine Partitur ist dabei alles andere als eingängig geraten, am eingängigsten dürfte beinahe die Hommage an Jaques Offenbach mit seiner „Barcarole“ aus der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ in der Szene auf der RMS Titanic sein, teilweise empfand ich die Musik als ein wenig „schräg“, was aber in keiner Weise despektierlich gemeint ist, als „schräg“ könnte man nämlich auch die Kompositionen von Stephen Sondheim oder Leonard Bernstein bezeichnen. Die siebenköpfige Band bringt LaChiusas Partitur unter der Musikalischen Leitung von Patricia M. Martin auf der linken Seitenbühne tadellos gekonnt zu Gehör, teilweise verdeckt vom Bühnenportal. Die temporeiche Inszenierung von Gil Mehmert macht ein wenig vergessen, dass „Hello Again“ einfach nicht auf leichte Unterhaltung angelegt ist, bis zum Schluss ist der Zuschauer gefordert, mitzudenken, wobei sich allerdings nicht alle Details vollständig erschließen: Wieso erzählt ein junger Mann in den 1970er-Jahren, dass er den Untergang der RMS Titanic 1912 überlebt hat?

„Hello Again“: Elias Krischke (Der Soldat), Karen Müller (Die Krankenschwester), Anneke Brunekreeft, Lina Gerlitz, Sarah Wilken, Philipp Nowicki und Jan Rogler (Vocal Ensemble)

Eva-Maria von Acker hat für „Hello Again“ ein beinahe als minimalistisch zu bezeichnendes eindrucksvolles Bühnenbild entworfen, das lediglich mit zwei Bühnenelementen auskommt, die sich durch Umdrehen und -kippen von einer Mauer am Pier des Hudson River in das Apartment des Studenten, den Zuschauerraum eines Kinos, das Schlafzimmer des Ehepaares, die Kabine auf der RMS Titanic, eine Disco, die Garderobe der Schauspielerin usw. verwandeln lassen und dennoch keinerlei Zweifel am Schauplatz der jeweiligen Szene lassen. Ein von den Akteuren auf der Bühne geschlossener Vorhang sorgt zumeist zwischen den Szenen dafür, dass der Umbau für die Zuschauer nicht sichtbar ist, der offene Bühnenumbau zwischen sechster und siebter Szene (RMS Titanic zu Disco) lässt zum ersten Mal im Verlauf der Aufführung hinter die Kulissen blicken und erfährt dementsprechend „Szenenapplaus“. Auch ihre Kostümentwürfe spiegeln anschaulich die Mode der jeweiligen Jahrzehnte wieder, und es gelingt Eva-Maria von Acker, vor dem geistigen Auge des Zuschauers eine beeindruckende Bilderwelt entstehen zu lassen. So glaubt der geneigte Musicalbesucher beispielsweise bei einem Szenenwechsel, Norma Desmond habe sich vom Sunset Blvd. hierher verlaufen. Karen D. Savage, die im Studiengang Musical an der Folkwang Universität der Künste Jazz Dance unterrichtet, zeichnet für die schwungvollen Choreografien verantwortlich, und wer jetzt denkt, es gehe doch eigentlich um Sex und nicht um Tanz, dem sei versichert, dass es bei der Aufführung viel mehr Tanz als Sex zu sehen gibt, sehr viel mehr sogar, denn Sex gibt es nur vermeintlich zu sehen, Tanz dagegen real.

„Hello Again“: Elias Krischke (Der Soldat) und Karen Müller (Die Krankenschwester)

„Hello Again“ war bei der Uraufführung am Licoln Center mit 6 Herren und 4 Damen besetzt, im Abschlussprojekt der Studierenden im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste liefern Alina Grzeschik (Die Hure), Karen Müller (Die Krankenschwester), Florentine Kühne (Die junge Frau) und Eva Löser (Die Schauspielerin/Ginger) aus dem vierten Jahrgang in den weiblichen „Hauptrollen“ starke Frauenporträts ab, Jan Rogler (Das junge Ding/Fred) und Philipp Nowicki (Autor/Popsänger) aus dem vierten Jahrgang bringen mit ihrer schlüssigen Darstellung des Stricherjungen bzw. des narzisstischen bisexuellen Autors Aspekte gleichgeschlechtlicher Liebe auf die Bühne, die in Arthur Schnitzler „Reigen“ nicht dramatisiert wurden. Elias Krischke und Marvin Schütt aus dem dritten Jahrgang sind mit den Rollen des Soldaten bzw. Ehemanns betraut. Während Elias Krischke sowohl in ersten und als auch in der zweiten Szene sein Potential zeigen kann, gerät Marvin Schütt in der fünften Szene als Ehemann ein wenig ins Hintertreffen, ist seine junge Frau doch in Gedanken (und auf der Bühne real) bei dem Fremden im Park. Michael Heller, der sein Studium im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste bereits 2010 abgeschlossen hat, sich aber dennoch homogen in das Ensemble einfügt, hat als wehleidiger Student, der sich vorstellt, er sehe eher aus wie Bobby Kennedy, und sich mit einem verstauchten Knöchel um den Kriegsdienst in Vietnam herumdrückt, sowie mit Erektionsproblemen beim Fellatio die Lacher auf seiner Seite, wobei ihm Karen Müller als Domina und Florentine Kühne als fremdgehende junge Frau natürlich die Bälle zuspielen. Als zweiter Gast kann Tom Zahner (Der Senator/Reporter/Steward) als Senator überzeugen, der aufgrund politischer Verpflichtungen seine Geliebte verlässt, sich aber in der letzten Szene beim besten Willen nicht an die Geschehnisse der vergangenen Nacht erinnern kann. Hier kann wirklich niemand behaupten, die Rolle sei nicht altersgerecht besetzt. Anneke Brunekreeft (Musikvideo Krankenschwester/Swing-Trio), Lina Gerlitz (Primadonna 1950er-Jahre/Swing-Trio) und Sarah Wilken (Primadonna 1912/Swing-Trio) aus dem dritten Jahrgang sind in dieser Produktion ein wenig benachteiligt, beleben aber in verschiedenen Situation das Geschehen auf der Bühne.

„Hello Again“: Elias Krischke (Der Soldat), Karen Müller (Die Krankenschwester), Anneke Brunekreeft, Lina Gerlitz, Sarah Wilken, Philipp Nowicki und Jan Rogler (Vocal Ensemble)

Gil Mehmert bezeichnete „Hello Again“ im Interview als vielleicht bisher größtes Experiment von allen Abschlussproduktionen. Ob das Experiment gelingt entscheiden am Ende ein Stück weit auch die Zuschauer, die die Vorstellung besuchen und sich darauf einlassen. „Hello Again“ ist auf jeden Fall intelligentes musikalisches Unterhaltungstheater, das die Vorstellungskraft der Zuschauer auch ohne pompöses Bühnenbild auf die Reise schickt. Allen Akteuren auf der Bühne ist ihre Spielfreude anzumerken, und nach etwa zweistündiger Premiere gab es neben Blumen langanhaltenden Applaus für Darsteller, Musiker und Kreative. Weitere Aufführungen am Theater im Rathaus Essen stehen noch bis Sonntag, 3. Juni 2016 auf dem Spielplan.

„Hello Again“: Karen Müller (Die Krankenschwester)


Eröffnung der LWL-Römerbaustelle Aliso

Originalgetreue Rekonstruktion der Lagerbefestigung in Haltern am See

Mehrere Generationen von Ausgräbern, Museumsleitern und Archäologen haben die Rekonstruktion der Befestigung eines der größten römischen Militärkomplexe und der geplanten Machtzentrale Roms im rechtsrheinischen Germanien geplant, nun hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) die Realisierung geschafft und eröffnet am Mittwoch, 29. Juni 2016 in Haltern am See die Römerbaustelle Aliso mit dem Nachbau des Westtores, der vorgelagerten Spitzgräben, der angrenzenden Holz-Erde-Mauer und einer inklusionsgerechten Zugangsrampe.

LWL-Römerbaustelle Aliso

„Diese längste und größte jemals gebaute maßstabsgetreue Rekonstruktion der Umwehrungsanlage eines Römerlagers ist der Versuch, römische Bau- und Kulturgeschichte erlebbar zu machen“, betonte LWL-Direktor Matthias Löb am heutigen Dienstag in Haltern. 156 Meter lang ist der Abschnitt der westlichen Umwehrung des früheren römischen Hauptlagers, in dem rund 5.000 Legionäre die Eroberung der rechtsrheinischen germanischen Gebiete vorbereiteten. Acht Meter hoch sind die Tortürme, 256 Kubikmeter frisches Eichenholz wurden verbaut. Über acht Wochen lang haben die Handwerker die Pfosten wie zu römischen Zeiten mit dem Beil in Form gebracht.

LWL-Römerbaustelle Aliso, Holz-Erde-Mauer

Eine Baustelle, die noch nicht beendet ist: In Zukunft sollen hier weitere Lagerbauten mit römischen Bautechniken entstehen – zum Anschauen, Erleben und auch zum Mitbauen.

Unter den wachsamen Augen von LWL-Direktor Matthias LWL-Direktor Matthias Löb und Museumsleiter Dr. Rudolf Aßkamp bringen die Zimmerleute Bernhard Terhalle und Stefan Witte die lateinische Inschrift am Westtor an

War der römische Militärkomplex in Haltern tatsächlich das in der antiken Literatur beschriebene Aliso? Und damit auch ein Verwaltungszentrum der Provinz und der letzte Stützpunkt, den die Römer nach der Niederlage in der Varusschlacht 9 n. Chr. noch gehalten haben? Das sollen inzwischen schriftliche Quellen wie auch archäologische Funde belegen, zum Beispiel auch Verstärkungen an den Schutzmauern. Matthias Löb: „Wer weiß: Hätten die Römer das Lager in Haltern wie geplant ausgebaut, dann läge Berlin heute nicht an der Spree sondern an der Lippe.“ Archäologie sei keine exakte Wissenschaft, erklärte Museumsleiter Dr. Rudolf Aßkamp vom LWL-Römer­museum in Haltern am See. Er sei sich zu 95 % sicher, dass es sich bei dem Militärstützpunkt in Haltern am See tatsächlich um Aliso handelt.

Die heutige Inschrift verkündet: Imperator Caesar Augustus, Sohn des Vergöttlichten, Oberster Priester, Consul zum 11. Mal, Inhaber der Tribunizischen Gewalt zum 17. Mal, Imperator zur 14. Mal, ließ (7 v. Chr.) durch die 19. Legion errichten. Wiederhergestellt 2016

Beeindruckt ist auch NRW-Bauminister Martin Groschek, dessen Ministerium den Bau maßgeblich mitfinanziert hat: „Wer eine Reise in die Vergangenheit wagen will, kann auf der Baustelle Aliso Geschichte hautnah erleben. Man bekommt eine Vorstellung davon, wie Haltern am See vor 2.000 Jahren ausgesehen hat. Es ist bewundernswert, was die rund 5.000 römischen Soldaten schon vor zwei Jahrtausenden gebaut haben – und das ganz ohne Bagger und technische Errungenschaften. Die eingesetzten Landesmittel – bisher 733.600 Euro Stadtentwicklungs- und Städtebaufördermittel – sind jeden Cent wert.“

LWL-Römerbaustelle Aliso, Nachbau des Westtores

Wer die Treppenstufen des Westtores hinaufsteigt und unter den Aufgängen zu den Türmen durch die dort aufgestellten Ferngläser blickt, erlebt weit mehr Eindrücke, als der bloße Anblick der Nachbauten erahnen lässt. Hier streift das Auge nicht, wie zu erwarten wäre, den realen Horizont, sondern sieht genau das, was bereits die Soldaten zur Zeit von Kaiser Augustus in der Landschaft westlich ihres Lagers erblickten: Da marschieren Soldaten, im Hintergrund steigt Rauch auf und eine Menschenmenge versammelt sich um ein Begräbnis an der Gräberstraße mit ihren eindrucksvollen Grabbauten.

Der Blick von LWL-Direktor Matthias Löb durch das außergewöhnliche Fernglas auf dem Westtor des ehemaligen römischen Hauptlagers in Haltern geht direkt in die Vergangenheit: Es zeigt digitale Filmszenen, wie sie die Römer vor 2000 Jahren als reale Bilder gesehen haben. Damit sieht ab dem 30. Juni jeder Besucher die römischen Nachbauten der Gegenwart mit ganz anderen Augen.

Rund 1,5 Millionen Euro hat der erste Bauabschnitt gekostet. Das umfasst auch die Errichtung einer Rampe, die Menschen mit Handicap den Zugang auf die Holz-Erde-Mauer und das Westtorermöglicht. „Die ersten Rekonstruktionsversuche von Teilen der Lagerumwehrung gab es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts – keiner der insgesamt drei Versuche war besonders dauerhaft“, weiß Museumsleiter Dr. Rudolf Aßkamp. Die ersten konzeptionellen Überlegungen für diesen vierten Anlauf gab es bereits 1987. Es sollte noch 20 Jahre dauern, bis in der LWL-Landschaftsversammlung der Grund­satz­beschluss zur Umsetzung gefasst wurde. Im April 2012 erfolgte der erste Spatenstich, nach dem Erwerb der Flächen und nach archäologischen Untersuchungen konnte im Frühjahr 2015 mit dem Bau begonnen werden. Jeder Schritt fußte dabei auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die der niederländische Bauforscher Kees Peterse zu dem Projekt beitrug.

LWL-Römerbaustelle Aliso

Auf der LWL-Römerbaustelle sollen im zweiten Bauabschnitt ab 2018 noch ein Kasernengebäude und eine Offiziersunterkunft entstehen – mit den originalen Bautechniken wie zu römischen Zeiten. Geplant ist, dass die Besucher nicht nur dabei zuschauen können, sondern auch selbst Hand anlegen und dabei helfen, Elemente einer Standard-Kaserne der Römerzeit entstehen zu lassen.

LWL-Römerbaustelle Aliso

Die Entstehungsgeschichte der Römerbaustelle, seine Bedeutung für die Region, die Bautechniken, der Forschungshintergrund und die Rolle der Archäologie: Das alles steht auch bei der offiziellen Eröffnung am 30. Juli im Mittelpunkt. Mit dabei sein werden unter anderen der Vorsitzende der LWL-Landschaftsversammlung, Dieter Gebhardt, LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Thale, Anne Katrin Bohle vom NRW-Bauministerium und die Halterner Bürgermeisterin Hiltrud Schlierkamp.

LWL-Römerbaustelle Aliso

LWL-Römerbaustelle Aliso, LWL-Direktor Matthias LWL-Direktor Matthias Löb und Museumsleiter Dr. Rudolf Aßkamp

LWL-Römerbaustelle Aliso

LWL-Römerbaustelle Aliso, inklusionsgerechte Zugangsrampe

LWL-Römerbaustelle Aliso, inklusionsgerechte Zugangsrampe

LWL-Römerbaustelle Aliso

Unter www.lwl-roemermuseum-haltern.de/roemerpark-aliso (am Seitenende) kann man einen virtuellen Blick auf den Annaberg zur Römerzeit werfen. Weitere Informationen zum LWL-Römermuseum und zur LWL-Römerbaustelle Aliso unter www.lwl-roemermuseum-haltern.de.

LWL-Römerbaustelle Aliso, Nachbau des Westtores

Das LWL-Römermuseum mit der LWL-Römerbaustelle Aliso ist „Eintritt frei“-Partner der RUHR.TOPCARD 2016 und bietet den Inhabern der Erlebniskarte für das Ruhrgebiet ganzjährig einmalig freien Eintritt in die Dauerausstellung, Zuzahlung bei Sonderausstellungen und -veranstaltungen soll möglich sein.

Montag, 27. Juni 2016

ExtraSchicht 2016 – Die Nacht der Industriekultur

„Mutta hol mich vonne Zeche, ich kann datt Schwatte nich mehr sehn!“

200.000 Besucher kamen lt. Pressemitteilung der Ruhr Tourismus GmbH am 25. Juni 2016 zur 16. ExtraSchicht und erlebten an 48 ausgewählten Spielorten Industriekultur von ihrer angeblich „schönsten“ Seite. Dies entspricht einem Besucherrückgang von 11 % gegenüber dem Vorjahr, ob dies tatsächlich „nur“ auf das schlechte Wetter zurückzuführen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Mehr als 2.000 Künstler sorgten trotz der Schauer am Anfang des Abends mit einem spannenden Programm aus Theater, Musik, Comedy, Illusionen und Workshops für Begeisterung und gute Stimmung. Mich hat niemand nach meiner Stimmung gefragt, was mich nicht davon abhält, meine Erfahrungen an dieser Stelle kund zu tun. Vor allem die vier neuen Spielorte erfuhren in der Nacht der Industriekultur großen Publikums-Zuspruch. Und das, obwohl die Besucher zu Beginn noch mit Schirm und Regenjacke in den Warteschlagen stehen mussten. Besonders begehrt: die Bustouren über das Duisburger Werksgelände von thyssenkrupp Steel Europe. Auch vor dem Deutschen Fußballmuseum in Dortmund und am Bergwerk Ost in Hamm bildeten sich schon vor Beginn der Veranstaltung um 18 Uhr lange Schlangen. Im Bergwerk Ost einte das Angebot Klassik-Fans und Bergbau-Interessierte, die gemeinsam der Eröffnung des KlassikSommers lauschten. Erstmals für Besucher geöffnet und besonders charmant: die Zeche Schlägel & Eisen in Herten. Neben dem ehrenamtlich organisierten Kultur- und Musikprogramm sorgte hier insbesondere die Turmbegehung für großen Besucherandrang. Warum man dort dennoch das Programm vorzeitig beendet hat, entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis.


Zeche Heinrich-Robert in Hamm

Ich hatte mich in diesem Jahr zu einer „Zechentour“ entschieden, eine ganz und gar falsche Entscheidung, wie sich bereits am ersten ausgewählten Spielort, der Zeche Heinrich-Robert in Hamm, herausgestellt hat. Die Zeche Heinrich-Robert war das letzte fördernde Steinkohlen-Bergwerk in Hamm und gehörte ab 1998 zum Verbundbergwerk Ost, das am 30. September 2010 die Steinkohlenförderung eingestellt hat. Damals arbeiteten auf der Zeche noch rund 1800 Mitarbeiter, die im Zuge der Stilllegung auf andere Bergwerke der RAG wechselten. Die Hauptschachtanlage der Zeche Heinrich-Robert zwischen den Stadtteilen Wiescherhöfen und Herringen an der Kamener Straße ist bis heute noch komplett vorhanden, die Kohlenwäsche wurde 2011 nach China verkauft.

Zeche Heinrich-Robert, Zufahrt von der Kamener Straße

Die Zeche Heinrich-Robert war an diesem Abend einer der am weitesten im Osten gelegenen Spielorte, lediglich der Maximilianpark in Hamm lag noch weiter östlich. Und darin liegt auch bereits die Crux dieses Spielorts: Es dauert mit öffentlichen Verkehrsmitteln bzw. den ExtraSchicht-Shuttle-Bussen relativ lange, den Spielort zu erreichen, und er ist mit dem ExtraSchicht-Shuttle ES 29 auch nur an den Maximilianpark und die Lindenbrauerei in Unna angebunden. Um also von hier zum Zukunftsstandort Ewald oder zur Zeche Schlägel & Eisen in Herten zu gelangen, das wäre wahrhaftig eine „Himmelfahrt“ geworden. Dementsprechend hatte ich mich beizeiten mit dem eigenen PKW auf den Weg Richtung Zeche Heinrich-Robert begeben, um bei den ersten Besuchern zu sein, die zum Beginn der ExtraSchicht um 18 Uhr an einer Führung über das Zechengelände teilnehmen könnten, doch das Kassen- und Einlasspersonal wusste mich ganz entscheidend auszubremsen…

Zeche Heinrich-Robert, Pförtnerhäuschen an der Zufahrt von der Kamener Straße

In Anbetracht fehlender Ortskenntnisse im Bereich der Zeche Heinrich-Robert habe ich mich – mit dem Auto aus Westen kommend – auf das erste Schild „Parkplatz ExtraSchicht“ an der Kamener Straße verlassen, was sich als Fehler herausstellte, denn dieser Parkplatz war in Wirklichkeit ein „VIP Parkplatz“, aber das erfuhr man erst von der Security, die die Zufahrt für gewöhnliche Besucher unterbunden hat. Selbige muss wohl irgendwann so genervt gewesen sein, dass auf dem Wegweiser zum Parkplatz mit rotem Klebeband zusätzlich die Bezeichnung „VIP“ aufgeklebt wurde, was aber gegen 17.20 Uhr noch nicht der Fall gewesen ist. Kein Problem, dachte ich mir, noch genügend Zeit bis zum Beginn um 18 Uhr, das Auto an der Kamener Straße abgestellt und von hier zu Fuß auf den Weg zum Eingang an der Straße „Zum Bergwerk“ gemacht.

Elefant an der Kamener Straße

Hier standen bereits die ersten Besucher im Regen vor der Schranke, noch war deren Anzahl überschaubar, was sich allerdings bis 18 Uhr ändern sollte. An der Kasse wollte ich pflichtbewusst mein Ticket gegen ein Eintrittsband tauschen, auf dem von der RTG ausgegebenen, nummerierten Ticket stand schließlich fett gedruckt „Das Ticket wird am ersten Spielort gegen ein Eintrittsband getauscht.“ Doch das Kassenpersonal verweigerte den Umtausch des Tickets gegen ein Eintrittsband, mit der Begründung, sie hätten die Anweisung, blaue Tickets nicht umzutauschen, diese würden beim Einlass direkt entwertet und bräuchten daher nicht umgetauscht zu werden. Da half auch der Hinweis auf das aufgedruckte Reglement nichts, man habe seine Weisung, und daran habe man sich zu halten. Leider konnte ich nicht ergründen, wer diese Weisung erteilt hatte und damit für den Schlamassel verantwortlich war. Womöglich wäre es besser gewesen, gleich an dieser Stelle nach der verantwortlichen Person zu verlangen und sich nicht abspeisen zu lassen…

Zeche Heinrich-Robert, Zugang an der Straße „Zum Bergwerk“

Als das Security-Personal selbst um 18 Uhr den Besuchern den Einlass auf das Gelände verweigerte und sich langsam Unmut bei den geduldig im Regen ausharrenden Besuchern breitmachte, wurden Sprüche wie „Wir sind hier das Gesetz“ vom Stapel gelassen, und zwar nicht im Scherz… Man kann sich bereits denken, dass man mir auch nach Öffnung des Geländes den Einlass verweigerte, man habe schließlich die Weisung, Besucher nur mit Eintrittsband auf das Gelände zu lassen („Wir sind hier das Gesetz“)… Also zurück zur Kasse, wo man sich erneute weigerte, das Ticket wie vorgesehen gegen ein Eintrittsband zu tauschen, man habe schließlich seine Weisung… Langsam aber wurde ich ungehalten, weshalb ich im Pförtnerhäuschen nach dem Verantwortlichen verlangte und zur Antwort bekam, hier sei niemand verantwortlich… Am Ende hat es mich beinahe eine geschlagene Viertelstunde gekostet, überhaupt auf das Betriebsgelände der Zeche Heinrich-Robert eingelassen zu werden, ohne Eintrittsband, dafür war aber meine Laune bereits jetzt am absoluten Tiefpunkt angelangt, in der Zwischenzeit hatten sich nämlich bereits so viele Besucher in der Warteschlange für die Führungen über das Zechengelände angestellt, dass es mich weitere anderthalb Stunden Anstehen im Regen gekostet hätte, endlich etwas auf dem Gelände zu sehen zu bekommen. Ich merke selbst zwei Tage später noch immer, wie mich die Wut packt, wenn ich nur daran denke, und aus diesem Grunde vergebe ich hierfür die wirklich rare Auszeichnung „Ärgernisse“.

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Das Ende vom Lied war dann, dass ich nichts von alledem, was mich wirklich interessiert hätte, auch zu sehen bekommen habe, weder die um 1904 erbaute Maschinenhalle noch das Gebäude der Fördermaschine Heinrich, das die Maschinenhalle zusammen mit dem Grubenmagazin an der zentralen Achse einrahmt, geschweige denn die Fördermaschine im Hammerkopfturm, die war nämlich selbst im Rahmen der Führungen über das Gelände nicht zu sehen. Wenn man dann aber vom Aufsichtspersonal auf Fragen mehrfach die Antwort bekommt, man könne keine Auskunft geben, man sei nicht von hier, so drängt sich einem geradezu der Eindruck auf, man ist an diesem Spielort der ExtraSchicht im völlig falschen Film gelandet. Fazit: völlig vergebens stundenlang mit dem Auto durch die halbe Metropole Ruhr gefahren…

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Zeche Heinrich-Robert, Tanzperformance in der Steigerstube

Zeche Heinrich-Robert, Steigerstube

Zeche Heinrich-Robert, Lichthof

Zeche Heinrich-Robert, Lichthof

Zeche Heinrich-Robert, Obergeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Obergeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Obergeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Obergeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Erdgeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Erdgeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Erdgeschoss Mannschaftskaue

Zeche Heinrich-Robert, Lampenstube

Zeche Heinrich-Robert, Lampenstube

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Zeche Heinrich-Robert, Verwaltungsgebäude

Zeche Heinrich-Robert, Hauptförderschacht Robert, Hammerkopfturm, 1955

Zeche Heinrich-Robert, Hauptförderschacht Robert, Hammerkopfturm, 1955


Zukunftsstandort Ewald in Herten

Zeche Ewald, Doppelbock-Fördergerüst über Zentralförderschacht 7

Zum Zukunftsstandort Ewald in Herten als Spielort der ExtraSchicht ist eigentlich nicht viel zu sagen, der Veranstaltungsort hat sich bereits in vielen Jahren bewährt, und wenn es dem Volk nach panem et circenses gelüstet, so soll es eben Brot und Spiele bekommen, von mir aus auch Gas, das Motto der ExtraSchicht auf Ewald lautete nämlich „Ewald gibt Gas“, obwohl etwas weniger Dampf und Qualm beim Musik-Feuerwerk an diesem Abend mehr gewesen wäre. Bedingt durch die Wetterlage zog selbiger nämlich überhaupt nicht ab und verwandelte das Gelände um den Doncasterplatz in kürzester Zeit in eine „Waschküche“ mit Sichtweiten von wenigen Metern.

Zeche Ewald, Doppelbock-Fördergerüst über Zentralförderschacht 7 und Malakowturm über Schacht 1

Zeche Ewald, Schwarzkaue

Zeche Ewald, Schwarzkaue, „Mona Lisas Töchter“ („Rohling“)

Im Rahmen des Programms „30 Jahre Frauenkulturtage Herten“ bot das Kulturbüro gemeinsam mit der Künstlerin Kerstin Cizmowski eine große Frauenkunstaktion zur Gestaltung einer Gipsbüste an. Dabei sollte ein Abguss aus Alabastergips kunstvoll und nach eigenem Empfinden gestaltet werden, die Auflage der Abgüsse war auf 750 Stück limitiert. Der Optionsschein für eine Gipsbüste war für 25 € zu haben, und eine große Anzahl von ausgestellten „Rohlingen“ zeugte davon, dass sich offensichtlich keine 750 Interessentinnen für diese Kunstaktion gefunden hatten. Egal, die Vielfalt der ausgestellten Arbeiten war dennoch beeindruckend.

Zeche Ewald, Schwarzkaue, „Mona Lisas Töchter“

Zeche Ewald, Schwarzkaue, „Mona Lisas Töchter“

Zeche Ewald, Schwarzkaue, „Mona Lisas Töchter“

Zeche Ewald, Schwarzkaue, „Mona Lisas Töchter“

Zeche Ewald, Schacht 7, Rasenhängebank

Zeche Ewald, Schacht 7, Magazin

Zeche Ewald, Schacht 7, Maschinenhaus Nord

Zeche Ewald, Schacht 7, Maschinenhaus Nord

Zeche Ewald, Schacht 7, Maschinenhaus Nord

Zeche Ewald, Schacht 7, Maschinenhaus Nord

Zeche Ewald, Schacht 7, Maschinenhaus Nord

Zeche Ewald, Feuerwerk

Zeche Ewald, Feuerwerk


Zeche Schlägel & Eisen in Herten

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Fördergerüst Schacht 3 und 4 und zugehöriger Grubenlüfter Schacht 3/4

Seit der Stilllegung des Verbundbergwerkes Ewald/Hugo am 30. April 2000 ruhen auch auf Zeche Schlägel & Eisen alle bergbaulichen Aktivitäten, bereits am 30. Juni 1990 fand die letzte Förderung auf Schlägel & Eisen statt. Viele Gebäude der Schachtanlage 3/4/7 in Herten-Langenbochum sind erhalten geblieben, 2013 begannen die Umbauarbeiten am ehemaligen Zechenstandort durch die Entwicklungs­gesell­schaft Schlägel & Eisen, die in diesem Jahr beendet wurden und in deren Verlauf auch die Schachthalle und das dazugehörige Fördergerüst über Schacht 7 abgerissen wurden. Inzwischen ist das umstrukturierte Zechengelände wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Mit der Schlusssteinlegung Ende April wurde das revitalisierte Zechengelände feierlich eröffnet, rund um die denkmal­ge­schützten Zechengebäude sind ein Stadtteilpark und eine Parkouranlage entstanden. Gewerbeansiedlungen sollen folgen.

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Fördergerüst Schacht 3 und 4 und zugehöriger Grubenlüfter Schacht 3/4

Der mittelständische Unternehmer Andreas Weidner hat das Unter- und Erdgeschoss des ehemaligen Verwaltungs- und Kauen-Gebäudes zum Firmensitz seines Wasseraufbereitungs-Unternehmens umgebaut. Da er hierfür nicht das gesamte erworbene Areal nutzen konnte, kooperiert er mit der Kunstpädagogin Kathi Schmidt, um ein kulturelles, sportliches und gastronomisches Nutzungskonzept zu entwickeln.

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Fördergerüst Schacht 4 und zugehöriger Grubenlüfter Schacht 3/4

Für das Programm zur ExtraSchicht 2016 auf der Zeche Schlägel & Eisen zeichnete im wesentlichen der Klub Schlägel & Eisen e. V. verantwortlich, der ehrenamtlich das Ziel verfolgt, dem leerstehenden Zechengelände mit kulturellen Angeboten neues Leben einzuhauchen. Im von der Stadt Herten herausgegeben Programmheft war für viele Programmpunkte als Veranstaltungszeit von 18 bis 2 Uhr angegeben, aber bereits gegen 1.30 Uhr war eine Besteigung des Fördergerüstes Schacht 4 nicht mehr möglich, Silvia Winefoets Lichtinstallation „Ich sehe was, was du nicht siehst“ bereits ausgeschaltet, die Buden auf dem Außengelände sogar schon abgebaut usw. Natürlich erfolgen die Angaben im Programmheft vorbehaltlich kurzfristiger Änderungen, aber warum gibt man dann nicht gleich im Programmheft an, Feierabend zu machen, wann es einem gefällt? Dann kann man sich nämlich als Besucher darauf einstellen und auf den Besuch eines dritten Spielorts bei der ExtraSchicht verzichten. Dislike!

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, „Ich sehe was, was du nicht siehst“, Lampengang-Außenwand

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Treppenhaus

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Kaue

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Lampengang

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Magazin

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Magazin

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Magazin

Zeche Schlägel & Eisen, Schachtanlage 3/4/7, Magazin