Donnerstag, 19. Juni 2014

B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße 2014

Das Ausstellungs- und Forschungsprojekt in Bochum-Hamme

Autobahnkirche RUHR an der BAB Essen-Dortmund, Ausfahrt Bochum-Hamme

Wo die im Rahmen der Kulturhauptstadt RUHR.2010 zur Autobahnkirche RUHR „umfunktionierte“ Evangelisch-lutherische Epiphanias-Kirche den Platz überragt, befand sich unweit bis vor kurzem die größte türkische Diskothek Europas „Taksim“ (Freudenbergstraße 40), das größte Bordell der Region „Freude 39“ (Freudenbergstraße 39) und der EU-Schlachthof Bochum (Freudenbergstraße 45) in nächster Nachbarschaft. Und manchen wird der Zusammenhang wundern, auch in der Kirche gibt es Entspannung, Besinnung und Andacht für Autofahrer im Stundentakt – an der Kirche befindet sich ein öffentlicher Parkplatz mit einer Kurzzeitparkzone.

Autobahnkirche RUHR/Epiphanias-Kirche im Bauhausstil, Innenansicht

Die äußerlich den Industriebauten nachempfundene, 1929 nach Plänen von Walter Tiefenbach erbaute Backsteinkirche überrascht ihre Besucher durch den hellen Innenraum, natürlich besonders, wenn das Sonnenlicht durch die bleiverglasten bunten Fenster scheint. Der Altarraum wird vom großen Kruzifix des Essener Bildhauers Ernst Hackländer dominiert.

„Boxenstopp bei Gott“

Seit 2010 sind auch selbst organisierte Ausstellungen Teil des Gemeindeprogramms. Zur Ausstellung B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße 2014 zeigt die Gemeinde unter dem Titel „Boxenstopp bei Gott“ Arbeiten der Künstlerin Judith Pappe, die mit einer Lochkamera Autobahnkirchen in ganz Deutschland abgelichtet hat.

„Boxenstopp bei Gott“: Autobahnkirche „Maria, Schutz der Reisenden“ an der BAB München-Stuttgart, Ausfahrt Adelsreid, Foto Judith Pappe

Berggate 69

An der Berggate findet das Thema „Kulturelle Kreuzungen“ eine völlig ungeahnte Dimension. Am Ende einer Sackgasse findet man den Tanzsportverein „Ruhr-Casino Bochum e. V.“, das BDSM-Studio „Das bizarre Stahlwerk“ und zahlreiche andere Gewerbe unter einem Dach. Die Entdeckung, dass das Haus ehemals der Standort der legendären Fluxusgalerie von Inge Baecker war, runden das faszinierende Nebeneinander heterogenster historischer Nachbarschaften ab. Wo heute getanzt und gelitten wird, stellten damals Größen wie Allan Kaprow (* 23. August 1927 in Atlantic City, † 5. April 2006 in Encinitas bei San Diego), Mauricio Kagel (* 24. Dezember 1931 in Buenos Aires, † 18. September 2008 in Köln) und Wolf Vostell (* 14. Oktober 1932 in Leverkusen, † 3. April 1998 in Berlin) aus, teilweise das erste Mal in Deutschland. Wo Harald Szeemann (* 11. Juni 1933 in Bern, † 18. Februar 2005 in Tegna im Tessin) die erste „Activity“ „City Works“ von Allan Kaprow (1. Oktober bis 3. November 1971) direkt an der A40 eröffnete, lassen sich heute Tänzer im SM-Ambiente oder direkt an der Autobahn porträtieren. Die komplexe Geschichte eines Ortes, der heute nahezu unsichtbar einst Fokus der großen Kunstszene war, erzählt sich in einer ganz unwissenschaftlichen Sammlung zwischen Kunst und Alltagskultur, in einem Museum jener realen Welt, der sich gerade die Künstler der Fluxusbewegung so verbunden fühlten.

Museum Berggate 69

Museum Berggate 69

Museum Berggate 69

Direkt neben der ehemaligen Galerie Inge Baecker befindet sich heute einer der größten Reifenrecycler der Region. Purer Zufall, aber auch bei Allan Kaprows „Tire Tower“, den er für die „6. Kunstwoche des Ruhrpark Shopping Centers“ 1979 ebenfalls unter der Kuratierung von Inge Baecker erstellte, spielte verbrauchte Bereifung eine entscheidende Rolle. Der Turm wurde übrigens kurz nach seiner Errichtung in Brand gesetzt und zerstört. Als Hommage an Allan Kaprow möchten die Betreiber der RCR Reifengruppe im Rahmen von B1|A40 – Die Schönheit der großen Straße 2014 einen eigenen Reifenturm errichten.

RCR Reifengruppe

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