Mittwoch, 31. Dezember 2014

Inhaltsverzeichnis 2014

Da sich das Inhaltsverzeichnis als Startseite in den vergangenen Jahren bewährt hat, gibt es auch in dem Jahr wieder einen Index. Never touch a running system!


2014: Das war´s

Ein Jahresrückblick in Bildern

Osterfeuer auf Zeche Hannover

In der Zeit zwischen den Jahren bekommt man allenthalben den Jahresrückblick auf die Augen gedrückt, ob man nun will oder nicht. Da werden der Gewinn der Fußball-Welt­meister­schaft in Brasilien oder der 25. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November zu globalen Highlights erklärt, doch der ein oder andere wird das ungewöhnlich starke Unwetter am 9. Juni oder die Schließung des Opel-Werks in Bochum im Dezember als viel einschneidender empfunden haben: „Alles ist relativ.“ Weshalb dieser kleine Rückblick mit einem der ersten Fahrzeuge endet, welches ab 1962 im dafür neu errichteten Opel-Werk gefertigt wurde.

1914 – Mitten in Europa“: Propeller eines Flugzeugs, 1914 – 1918, 15-cm-schwere Feldhaubitze 13, Kaliber 14,97 cm, Fried. Krupp AG, 1918

Japan-Tag Düsseldorf/NRW: Japanisches Feuerwerk unter dem Motto „Japans vier Jahreszeiten“

Folgen des Pfingststurms Ela

Folgen des Pfingststurms Ela

Folgen des Pfingststurms Ela

Römerfest im LVR-Archäologischen Park Xanten: Großer Festzug der Legionäre zum Amphitheater

ExtraSchicht 2014 – Die Nacht der Industriekultur: Licht-Performance im Magazingebäude der Zeche Waltrop

Harfen-Quartett im Maschinenfoyer der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord


Eröffnung der neuen Straßenbahnstrecke im Essener Westviertel: Triebwagen 1607 der Essener Verkehrs-AG an der Haltestelle „Frohnhauser Straße“

Recklinghausen leuchtet“: Altstadtmarkt

Weihnachtsmarkt Essen: Barock-Karussel und „Lichtbrunnen“ auf dem Kennedyplatz

Opel Kadett A im Maschinenhaus der Zeche Hannover

„Nichts ist so schlimm, dass es nicht noch schlimmer kommen könnte.“ In diesem Sinne, auf ein Neues…

Veranstaltungsvorschau 2015
  • bis 1. November 2015 wird im Gasometer Oberhausen „Der schöne Schein“ gezeigt
  • vom 27. März bis 23. August 2015 zeigt das Ruhr Museum die Sonderausstellung „Werdendes Ruhrgebiet. Spätantike und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr“
  • 38. Internationaler Museumstag am 17. Mai 2015 unter dem Motto „Museums for a sustainable society“/„Museum. Gesellschaft. Zukunft.“
  • 14. Japan-Tag Düsseldorf/NRW am 30. Mai 2015
  • 11. UNESCO-Welterbetag am 7. Juni 2015 unter dem Motto „Welterbe verbindet“
  • am 20./21. Juni 2015 findet bereits die 15. ExtraSchicht statt
  • Tag des offenen Denkmals am 13. September 2015 unter dem Motto „Handwerk, Technik und Industrie“

Freitag, 26. Dezember 2014

Zur Krippe her kommet

Krippenausstellung in Essen-Frohnhausen

Glasfiguren, matt, Italien

Pastor Bernhard Alshut i. R. ist Krippenbaumeister und hat ein Faible für Krippen. Über 600 Krippen hat er im Laufe der Jahre zusammengetragen, und auch in diesem Jahr präsentiert er in der Weihnachtszeit bis Mariä Lichtmess (2. Februar) eine Auswahl davon in der Krippenaus­stellung unter dem Motto „Die Heiligen Drei Könige“. Die St. Elisabeth-Kirche mit der Krippenaus­stellung ist in dieser Zeit täglich von 15 bis 17 Uhr geöffnet.

Maisstrohfiguren, Tschechoslowakei

Maisstrohfiguren, Tschechoslowakei

Myanmar (Republik der Union Myanmar)

Ghana

Asiatische Krippe aus Indonesien

Ananasstroh, Ruanda

Tonfiguren, Republik Botswana

Dienstag, 23. Dezember 2014

Knusper, knusper, Knäuschen

Hier knuspert niemand mehr an seinen Kuchen­spezialitäten…

Lebkuchenhaus

1955/1956 wurde das Eckhaus Kettwiger Straße 15 gegenüber dem Glockenspiel der Firma Deiter nach Plänen des Architekten Wilhelm Johann Koep (* 26. Mai 1905 in Auel, † 25. Juni 1999 in Köln) eigens für das Café Overbeck errichtet, nun geht hier eine 82-jährige Ära zu Ende. Seit 1932 bestand das Familien­unternehmen zur Herstellung exklusiver Konditorei-Confiserieprodukte in der dritten Familien­generation, das im Oktober 2014 Insolvenz anmelden musste, nun schließt der letzte von ursprünglich drei Standorten in der Essener Innenstadt. Ein Juwelier will zwar die Immobilie sanieren, doch damit scheint gleichzeitig das Ende als Gastronomiebetrieb besiegelt zu sein.

Café Overbeck, Kettwiger Straße

Café Overbeck, Kettwiger Straße

Café Overbeck

Café Overbeck

Café Overbeck

Café Overbeck, Neonschriftzug

Montag, 15. Dezember 2014

Schauspiel Essen: „Cabaret“

„Cabaret“ – nach dem Schauspiel „I am a Camera“ von John van Druten auf der Grundlage der Berliner Episoden-Romane „Mr. Norris Changes Trains“ (1935), „Goodbye to Berlin“ (1939) von Christopher Isherwood; Musik: John Kander; Gesangstexte: Fred Ebb; Buch: John Masteroff; Deutsche Bearbeitung: Robert Gilbert; Inszenierung: Reinhardt Friese; Choreografie: Stephan Brauer; Bühne: Günter Hellweg; Kostüme: Annette Mahlendorf; Lichtdesign: Michael Hälker; Sounddesign: Reinhard Dix, Markus Schmiedel; Dramaturgie: Vera Ring; Musikalische Leitung: Hajo Wiesemann. Darsteller: Jan Pröhl (Conférencier), Janina Sachau (Sally Bowles, Cabaretsängerin), Thomas Meczele (Clifford Bradshaw, Schriftsteller), Ingrid Domann (Fräulein Schneider, Pensionswirtin), Rezo Tschchikwischwili (Herr Schultz, Gemüsehändler), Marieke Kregel (Fräulein Kost, Pensionsgast), Stefan Diekmann (Ernst Ludwig, Nazi-Funktionär); „Kit-Kat-Club“-Girls: Alina Grzeschik (Rosie), Stefanie Köhm (Helga/„Two Ladies“), Florentine Kühne (Texas), Eva Löser (Lulu), Karen Müller (Hildegard), Miriam Anna Schwan (Fritzi/Gorilla-Mädchen/„Two Ladies“); „Kit-Kat-Club“-Boys: Philipp Nowicki (Bobby), Jan Rogler (Victor). „Kit-Kat-Club“-Band: Florian Esch (Trompete, Flügelhorn), Natalie Hausmann (Tenor-Saxophon, Flöte, Klarinette), Alex Morsey (Kontrabass, Tuba), Evgeny Ring (Alt-Saxophon, Flöte, Klarinette), Bastian Ruppert (Gitarre, Posaune, Banjo), Tobias Schütte (Posaune), Hajo Wiesemann (Klavier), Philipp Zdebel (Schlagzeug, Percussion). Uraufführung: 20. November 1966, Broadhurst Theatre, New York City. Deutschsprachige Erstaufführung: 14. November 1970, Theater an der Wien, Wien. Premiere: 13. Dezember 2014, Grillo-Theater, Essen.



„Cabaret“


„Willkommen, Bienvenue, Welcome“ im Grillo-Theater


„Cabaret“ ist nach „Flora, the Red Menace“ (Premiere: 11. Mai 1965, Regie: George Abbott) – in der Liza Minnelli als Flora ihr Broadway Debüt gab – das zweite gemeinsame Werk des kongenialen Duos John Kander und Fred Ebb, und es sollte ihr größter Erfolg werden. Harold Prince hatte die Rechte an „I am a Camera“ von John van Druten auf der Grundlage der Berliner Episoden-Romane „Mr. Norris Changes Trains“ (1935) und „Goodbye to Berlin“ (1939) von Christopher William Bradshaw Isherwood erworben und adaptierte das bereits 1951 erfolgreich am Broadway aufgeführte und 1959 verfilmte Drama zum Musical. Er beauftragte John Masteroff mit der Bearbeitung des Stoffes, John Kander verfasste die Musik und Fred Ebb schrieb die Songtexte. „Cabaret“ feierte am 20. November 1966 seine Uraufführung am Broadhurst Theatre, wurde 1967 mit acht Tony Awards ausgezeichnet und in 1.165 regulären Vorstellungen bis 6. Oktober 1969 aufgeführt. Allein am Broadway gab/gibt es drei Revival-Produktionen (22. Oktober 1987 bis 4. Juli 1988, 19. März 1998 bis 4. Januar 2004 und 24. April 2014 bis 29. März 2015), am 9. Oktober 2012 feierte in London die vierte West End Revival Produktion am Savoy Theatre ihre Premiere. Als Rolf Kutschera „Cabaret“ am 14. November 1970 im Theater an der Wien als Deutschsprachige Erstaufführung auf die Bühne brachte, reagierten Presse und Publikum mit Ablehnung darauf, nationalsozialistische Verbrechen im Rahmen des unterhaltenden Musiktheaters darzustellen. Hilfreich dürfte sich die Verfilmung des Musicals in der Regie von Bob Fosse mit Liza Minnelli in der Rolle der Sally Bowles erwiesen haben, die 1972 in die Kinos kam und mit insgesamt acht Oscars ausgezeichnet wurde.

Thomas Meczele (Clifford Bradshaw) und Janina Sachau (Sally Bowles); Foto Birgit Hupfeld

Christopher Isherwood schildert in seinen Erzählungen seine Bekanntschaften und Erlebnisse während seines Aufenthalts in Berlin in den Jahren 1929 bis 1933. Eine seiner Episoden handelt von seiner Begegnung mit der britischen Schau­spielerin Jean Ross, die zu der Zeit als Nacht­klub­sängerin gearbeitet hat und der er den Namen Sally Bowles gab. Bereits im Schauspiel „I am a Camera“ lag der Fokus auf dieser Episode, das Musical übernimmt diesen und stellt ihm die erfundene Liebes­ge­schichte der Pensionswirtin Fräulein Schneider mit dem jüdischen Obsthändler Herr Schultz gegenüber. Für die Musicalfassung wurde der „Kit-Kat-Club“, ein anrüchiger Nachtclub, hinzugefügt, dessen Conférencier die Episoden zwischen Alltag und Nachtleben durch seine Kommentare zusammenführt. Das Musical reduziert den aufkommenden Nationalsozialismus zwar auf den Antisemitismus, dennoch schildert es eindringlich das Scheitern der Protagonisten an den gesellschaftlichen Umständen der damaligen Zeit.

Nach dem Theater Hagen (Inszenierung Thilo Borowczak, Premiere 1. September 2012), Theater Oberhausen (Inszenierung Roland Spohr, Premiere 26. Oktober 2012) und dem Musiktheater im Revier Gelsenkirchen (Inszenierung Sandra Wissmann, Premiere: 15. September 2013) zeigt das Schauspiel Essen in Kooperation mit der Folkwang Universität der Künste ab 13. Dezember 2014 die vierte Produktion des Erfolgs-Musicals in Folge in der Metropole Ruhr. Im Zusammenhang mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 sicher kein schlecht gewählter Zeitpunkt, aber für die „Metropolen-Bewohner“ womöglich auch nicht besonders abwechslungs­reich. Doch offensichtlich ist eine derartig globale Orientierung lediglich ein Hirngespinst, Wunschtraum im Zusammenhang mit der „Kulturmetropole Ruhr“ oder der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010. Was nutzt die dichteste Theaterlandschaft Europas, wenn sie von innen überhaupt nicht wahrgenommen wird?

Rezo Tschchikwischwili (Herr Schultz) und Ingrid Domann (Fräulein Schneider); Foto Birgit Hupfeld

Der amerikanische Schriftsteller Clifford „Cliff“ Bradshaw fährt für Recherchen Ende 1929 nach Berlin und lernt im Zug den politisch engagierten Ernst Ludwig kennen. Auf dessen Empfehlung wendet er sich bei der Suche nach einer Bleibe an die Pensionswirtin Fräulein Schneider, die ihm schließlich mit der Miete entgegenkommt. Am Silvesterabend besucht Cliff den „Kit Kat Klub“, wo die britische Nachtclubsängerin Sally Bowles auftritt. Sally bittet Cliff später zu sich an den Tisch und lässt sich seine Adresse geben. Am nächsten Tag erscheint Sally unerwartet bei Cliff, der Ernst Ludwig Englisch-Unterricht erteilt. Noch bevor Cliff Einwände erheben kann, hat sich Sally mitsamt Gepäck bei ihm einquartiert und ihn überzeugt, wie wundervoll alles sein wird. Im „Kit Kat Klub“ kommentiert der Conférencier mit seiner großen Nummer „Two Ladies“ die ungewöhnlichen Lebens­umstände von Cliff und Sally. Herr Schultz, ein älterer, jüdischer Obst- und Gemüsehändler, der ebenfalls in der Pension am Nollen­dorf­platz wohnt, hofiert Fräulein Schneider. Derweil deuten sich erste Tendenzen des Nationalsozialismus an. Monate später wohnt Sally immer noch mit Cliff zusammen, und sie eröffnet ihm, dass sie ein Kind erwartet. Um Geld zu verdienen, nimmt Cliff das von Ernst Ludwig unterbreitete Angebot an, Devisen von Paris nach Berlin zu schmuggeln. Als Fräulein Kost, Cliffs freizügige Nachbarin, die zuvor wegen häufiger Männerbesuche von Fräulein Schneider gerügt wurde, Herrn Schultz beim Verlassen des Zimmers der Pensionswirtin ertappt, versucht dieser die Ehre von Fräulein Schneider zu retten, indem er ankündigt, sie in drei Wochen heiraten zu wollen. Bei der Verlobungsfeier singt Herr Schultz im Überschwang ein jiddisches Lied, woraufhin Ernst Ludwig, der nun eine Hakenkreuz-Armbinde trägt, augenblicklich die Feier verlässt, nicht ohne Fräulein Schneider zuvor vor den Konsequenzen der Hochzeit mit einem Juden gewarnt zu haben. Die nationalsozialistischen Tendenzen werden immer deutlicher: Der erste Stein fliegt in das Fenster von Herrn Schultz´ Obst- und Gemüseladen, und Fräulein Schneider löst aus Angst ihre Verlobung mit Herrn Schultz. Der Conférencier stellt im „Kit Kat Klub“ sein „Mädchen“ vor, einen Gorilla, sein Song endet mit den Worten „if you could see her through my eyes … she wouldn´t look Jewish at all.“/„säht ihr sie mit meinen Augen, dann würde sie gar nicht so jüdisch aus­se­hen.“ Cliff möchte mit der schwangeren Sally nach Amerika zurückkehren, doch sie träumt weiter von ihrer Karriere als Showgirl beim Cabaret. Am nächsten Morgen packt Cliff seine Koffer, als Sally ohne ihren Pelzmantel zurückkehrt und erklärt, dass sie ihre Schwangerschaft abbrechen lassen hat. Cliff gibt ihr wut­ent­brannt eine Ohrfeige, hinterlässt ihr aber eine Zugfahrkarte, für den Fall, dass sie sich doch noch entschließen sollte, mit ihm gemeinsam nach Amerika zu fahren. Er verlässt Berlin und man hört noch einmal die Stimmen von Sally, Fräulein Schneider, Herrn Schultz und den anderen, die im Dunkeln verschwinden.

Jan Pröhl (Conférencier) und die „Kit-Kat-Club“-Girls Stefanie Köhm (Helga) und Miriam Anna Schwan (Fritzi); Foto Birgit Hupfeld

Nach „Shockheaded Peter“ (Premiere 16. Oktober 2010) und „The Black Rider“ (Premiere 3. Dezember 2011) hat Reinhardt Friese, seit der Spielzeit 2012/2013 Intendant des Städtebundtheaters Hof, gemeinsam mit dem identischen Kreativteam „Cabaret“ am Grillo-Theater inszeniert. Offensichtlich hat er Gefallen an der rauen Art gefunden, denn er wollte, dass seine Musical-Fassung „ein bisschen rauher, ein bisschen dreckiger, ein bisschen mehr „Tom Waits“ als großer Broadway wird.“ (Programmheft Schauspiel Essen, Dezember 2014). Glücklicherweise klingt „Cabaret“ auch in seiner Strichfassung in Essen eher nach John Kander/Fred Ebb (und in einem Fall nach Abraham „Abe“ Ellstein), und weniger nach Tom Waits, und ob die Situation der Menschen zur Zeit der Weltwirtschaftkrise und deren Scheitern an den gesellschaftlichen Umständen bei Tom Waits besser aufgehoben wäre als bei John Kander/Fred Ebb, mag jeder für sich selbst entscheiden. Mit seinem Bühnenbildentwurf, in dem es weder ein heruntergekommenes Berliner Nachtlokal noch Fräulein Schneiders Pension am Nollendorfplatz gibt, sieht Günter Hellweg von einer realistischen Darstellung der Schauplätze ab und stellt stattdessen einen großen Zylinder auf die Bühne, in dem es Treppen mit integrierten Glasbausteinen gibt, als Zeichen für Berlin, ein durch Glühlampen gesäumter Steg über den Orchestergraben und die „Show-Treppe“ stellen bei angehobenem Zylinder die Bühne des „Kit Kat Klubs“ dar, ein paar Stühle symbolisieren bei auf die Bühne abgesenktem Zylinder ein Zugabteil und die Pension am Nollendorfplatz. Ein Scheinwerfer hinter dem Zylinder sorgt in Kombination mit den Öffnungen in selbigem für interessante Lichteffekte (Lichtdesign Michael Hälker), blendet die Zuschauer bei ungünstigem Blickwinkel allerdings auch beträchtlich. Annette Mahlendorf hat eine zeitgemäße Kostümauswahl getroffen, mit sexy Dessous unterstreicht sie die ausgelassene Atmosphäre im verruchten „Kit-Kat-Club“. Sally Bowles trägt außerhalb des „Kit-Kat-Clubs“ einen hellen Hosenanzug, der tatsächlich in den 1930er-Jahren aufkam, aber nur von einigen Künstlerinnen wie Marlene Dietrich getragen wurde. Erst Ende der 1960er-Jahre wurden Frauenhosen gesellschaftlich akzeptiert und der Hosenanzug für Damen kam in Mode. Hajo Wiesemann führt seine achtköpfige Band als Musikalischer Leiter am Flügel mit Verve durch die facettenreiche Partitur in der reduzierten Orchesterfassung von Chris Walker.

Stefan Diekmann (Ernst Ludwig), Janina Sachau (Sally Bowles) und Thomas Meczele (Clifford Bradshaw); Foto Birgit Hupfeld

Die Hauptrollen sind am Grillo-Theater vollständig aus dem Schauspiel-Ensemble besetzt, die von zwei ehemaligen Studierenden und sechs Studierenden im Studiengang Musical der Folkwang Universität der Künste als „Kit-Kat-Club“-Girls und -Boys unterstützt werden. Jan Pröhl ist in der Rolle des diabolischen Conférenciers als aalglatte Adolf Hitler-Karikatur während der gesamten Handlung allgegenwärtig, zuweilen lediglich als Beobachter, dann schlüpft er auch schon mal in eine andere Rolle, die für den weiteren Fortgang der Handlung entscheidend ist, um beispielweise als Beamter des Zollgrenzdienstes die Ein- und Ausreise zu kontrollieren. Janina Sachau besticht mit ihrer emotionalen Darstellung des Möchtegern-Starlets Sally Bowles, deren Welt das Cabaret ist, sowohl gesanglich, um die bekannten Ohrwürmer wie „Cabaret“ oder „Mein Herr“ zur Geltung zu bringen, auch tänzerisch macht sie neben den „Kit-Kat-Club“-Girls und -Boys eine gute Figur. Thomas Meczele überzeugt als sympathischer, bislang erfolgloser Schriftsteller Clifford Bradshaw. Ingrid Domann (Fräulein Schneider) und Rezo Tschchikwischwili (Herr Schultz) haben als älteres Liebespaar mit überzeugendem Schauspiel bewegende Momente. Ingrid Domann, die bereits als 17-jähriges Mädchen in der Verfilmung des Musicals in der Regie von Bob Fosse als junges Zimmermädchen für 100 Deutsche Mark Gage mitgespielt hat, legt ihre Rolle gegenüber Herrn Schultz betont distanziert an, so dass es überhaupt nicht überrascht, dass Fräulein Schneider später ihre Verlobung wieder löst. Rezo Tschchikwischwili kann in der Rolle des jüdischen Obst- und Gemüsehändlers besonders mit dem jiddischen Song „Abi gezunt“ („So lang Du gesund bist“, von Abraham Ellstein für den jiddischen Film „Mamele“ (1938) geschrieben, Lyrics Molly Picon) begeistern, der ihn bei der Verlobungsfeier als Juden zu erkennen gibt und in Essen den Song „Meeskite“/„Miesnick“ ersetzt. In den weiteren Hauptrollen sind Stefan Diekmann als politisch engagierter Ernst Ludwig und Marieke Kregel als Fräulein Kost zu sehen, die ihre „vaterländische Pflicht erfüllt“. Die Studierenden im zweiten Jahrgang des Studiengangs Musical Alina Grzeschik (Rosie), Florentine Kühne (Texas), Eva Löser (Lulu), Karen Müller (Hildegard), Philipp Nowicki (Bobby) und Jan Rogler (Victor) sowie Stefanie Köhm (Helga) und Miriam Anna Schwan (Fritzi/Gorilla-Mädchen), die bereits im Dezember 2010 bzw. Februar 2012 ihr Musical-Studium an der Folkwang Universität der Künste in Essen abgeschlossen haben, überzeugen in den Ensembleszenen im „Kit-Kat-Club“, wobei Stephan Brauer in seinen Choreografien auf Anspielungen auf den charakteristischen Tanzstil von Bob Fosse verzichtet hat.

Das Premierenpublikum bedachte Darsteller und Kreative nach gut zweieinviertelstündiger Vorstellung mit lang anhaltendem Applaus. „Cabaret“ steht am Grillo-Theater bis zum 5. Juni 2015 auf dem Spielplan.

Sonntag, 14. Dezember 2014

DVD-Besprechung: „Kolpings Traum“

„Kolpings Traum“ – Musik, Lyrics: Dennis Martin; zusätzliche Musik: Marc Schubring; Lyrics, Buch, Inszenierung: Christoph Jilo; Choreografie: Doris Marlis; Bühne: Andreas Arneth; Kostüme: Ute Karow; Lichtdesign: Rüdiger Benz; Sounddesign: Andreas Balaskas, Maximilian Becker; Arrangements: Frank Hoffmann, Dennis Martin, Udo Krüger. Darsteller: Maximilian Mann (Adolph Kolping), Dennis Henschel (Adolph Kolpings Weggefährte Karl Wagner, eine fiktive Gestalt), Sabrina Weckerlin (Karls Frau Susanne Beck), Léon van Leeuwenberg (alter Adolph Kolping), Claus Dam (Fabrikant Karcher), Tina Haas (Frieda Karcher), Dietmar Ziegler (Johann Gregor Breuer/Kaplan), Tabea Grün (Clara), Sascha Kurth (Eisenstein), Olaf Meyer (Schuster/Elberfelder Bürgermeister Carnap), Martin Rönnebeck (Schustermeister Beck/Hauptmann), Guido Breidenbach, Tamina Ciskowski, Yasuko Kayamori, Evita Komp, Karolin Konert, Kristian Lucas, Stephan R. Przywara, Lars Rindelaub, Robert Schmelcher, Jenny Schlensker (Dance Captain Assistenz), Linda Stark (Dance Captain), Konstantin Zander, Extraensemble: Jörg Alt, Katharina Brehl, Kristin Heil, Torsten Paul. Uraufführung: 2. August 2013, Schlosstheater Fulda. Laufzeit 122 Minuten. FSK Freigegeben ab 6 Jahren.



„Kolpings Traum“


Aufzeichnung der Uraufführung im Schlosstheater Fulda


Am 2. August 2013 präsentierte spotlight musicals zum 200. Geburtstag von Adolph Kolping (* 8. Dezember 1813 in Kerpen, † 4. Dezember 1865 in Köln) im Schlosstheater Fulda die Uraufführung des Musicals „Kolpings Traum“ von Dennis Martin (Musik, Lyrics), Christoph Jilo (Lyrics, Buch, Inszenierung) und Marc Schubring (Musik zu „So kann es nicht bleiben“), weitere Vorstellungen folgten ab 15. August 2013 am Opernhaus in Wuppertal, wo Adolph Kolping 1845 in der Elberfelder Kirche St. Laurentius seine erste Stelle als Kaplan angetreten hat. Vom 8. bis 17. August 2014 wurde „Kolpings Traum“ im Schlosstheater Fulda wiederaufgenommen. Am 19. September 2015 soll es eine einmalige Aufführung mit einem 35-köpfigen Orchester in der Lanxess Arena in Köln im Rahmen des Kolpingtages 2015 geben, zu dem das Kolpingwerk Deutschland 15.000 Teilnehmende erwartet. Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft ist ab 1. Dezember 2014 eine Aufzeichnung der Uraufführung im Schlosstheater Fulda in guter Bild- und Tonqualität auf DVD and Blu-ray erhältlich, wobei das heimische Pantoffelkino natürlich nicht das Live-Erlebnis im Theater ersetzen kann. Die DVD mit einer Spieldauer von 121 Minuten 35 Sekunden enthält lediglich eine wählbare Untertiteloption (engl.), Stereo und Dolby Digital 5.1 als Tonauswahl und kein weiteres Bonusmaterial, das Booklet enthält die Inhaltsangabe, diverse Bühnenfotos und das vollständige Libretto.

Adolph Kolping kam als viertes Kind des Schäfers Peter Kolping und dessen Ehefrau Anna Maria in Kerpen bei Köln zur Welt und erlernte auf Wunsch seiner Eltern nach dem Besuch der Volksschule im Alter von 12 Jahren zunächst das Schuhmacherhandwerk. Das Angebot, in eine der damals führenden Werkstätten in Köln einzuheiraten, lehnte er später als Schuhmachergeselle ab und wechselte die Stelle. Im Herbst 1837 trat er im Alter von beinahe 24 Jahren in das Marzellengymnasium in Köln ein, wo er am 3. April 1841 das „Zeugnis der Reife“ erhielt. Aus Dankbarkeit finanzierte Maria Helena Meller Adolph Kolpings Theologiestudium, nachdem er im Dezember 1840 das Begräbnis ihres ehemaligen Hauslehrers Bertram Josef Calker organisiert hatte, in den sie verliebt war. Am 13. April 1845 wurde Adolph Kolping in der Kölner Minoritenkirche zum Priester geweiht und trat in der Elberfelder Kirche St. Laurentius seine erste Kaplanstelle an. Im Juni 1847 wurde er zum zweiten Präses des ersten 1846 vom Lehrer Johann Gregor Breuer gegründeten katholischen Gesellenvereins in Elberfeld gewählt. Am 6. Mai 1849 gründete Adolph Kolping in Köln, wohin er als Domvikar zurückgekehrt war, den Kölner Gesellenverein. Auch in anderen Städten entstanden schon bald Gesellenvereine, 1850 schlossen sich die ersten dieser Vereine zum „Rheinischen Gesellenbund“, dem späteren „Katholischen Gesellenverein“ zusammen, der Verband wurde 1935 in „Kolpingwerk“ umbenannt. Mit über 400.000 Mitgliedern in mehr als 60 Ländern zählt das Kolpingwerk zu den großen Sozialwerken der Katholischen Kirche, dessen Schwerpunkt der Arbeit die Bekämpfung der Armut bildet.

Der Vorstand des Kolpingwerks selbst gab 2009 den Impuls, Adolph Kolping ein Musical zu widmen, nachdem spotlight musicals bereits mit „Bonifatius – Das Musical“ (Uraufführung am 3. Juni 2004 im Schlosstheater Fulda) und „Elisabeth – Die Legende einer Heiligen“ (Uraufführung am 7. Juli 2007 im Landestheater Eisenach) historische Themen mit religiösem Hintergrund als Musical auf die Bühne gebracht hatte. Angelehnt an Adolph Kolpings Biografie, angefangen von seinen Wanderjahren als Schuhmachergeselle bis zu seiner Rückkehr als Domvikar nach Köln, hat das Kreativteam ein Musical entwickelt, das um Kolpings frühen Lebensweg vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels der Industrialisierung und der existenziellen Gegensätze zwischen Arbeitern und Kapitalseigentümern eine fiktive Handlung vom Niederganz der Handwerkszünfte und der Profitgier und Verarmung im Räderwerk des Fortschritts erzählt, wobei Adolph Kolping der fiktive Weggefährte Karl Wagner und dessen Frau Susanne Beck zur Seite gestellt wurden, die stellvertretend das Schicksal der Gesellen und Arbeiter und deren Ausbeutung und Verarmung auf der Bühne darstellen. Wobei „zur Seite gestellt“ ein wenig untertrieben ist, tatsächlich gerät Karl Wagner mitunter zur heimlichen Hauptfigur der dramatischen Handlung, in der es Fabrikant Wilhelm Karcher als Widersacher nach dem Motto „Geld regiert die Welt“ lediglich auf maximalen Gewinn abgesehen hat, was natürlich zu Konflikten mit den verarmten Arbeitern führt. In den Hauptrollen sind Maximilian Mann (Adolph Kolping), Dennis Henschel (Adolph Kolpings Weggefährte Karl Wagner, eine fiktive Gestalt), Sabrina Weckerlin (Karls Frau Susanne Beck), Claus Dam (Fabrikant Wilhelm Karcher), Tina Haas (Frieda Karcher), Dietmar Ziegler (Lehrer Johann Gregor Breuer) und Léon van Leeuwenberg (alter Adolph Kolping) zu sehen, die allesamt auch schon in früheren Produktionen von spotlight musicals engagiert waren und überzeugende Darstellungen abliefern, wobei Léon van Leeuwenberg mit der Figur des alten Adolph Kolping, der das Geschehen an wenigen Stellen lediglich rückblickend kommentiert, heillos unterfordert ist.

Insgesamt ist „Kolpings Traum“ gut gemachtes Unterhaltungstheater, und so ist es nur zu begrüßen, dass sich die Produzenten entschieden haben, die Aufzeichnung aus dem Schlosstheater Fulda nunmehr auf DVD und Blu-ray zu veröffentlichen, die sicher auch bei dem ein oder anderen Musicalinteressierten, der die Aufführung in Fulda bzw. Wuppertal nicht auf der Bühne erleben konnte, ihre Käufer finden dürfte.