Mittwoch, 29. Februar 2012

St. Gallen

Gallusstadt in der Ostschweiz

Der Wandermönch und Missionar Gallus ließ sich der Legende nach um 612 im Steinachtal nieder und baute am Ausgang der Mühleggschlucht eine Klause. 719 gründete der alemannische Priester Othmar zu seinen Ehren eine Benediktiner-Abtei und gab ihr den Namen St. Gallen. Die Stadt St. Gallen begeht in diesem Jahr ihr 1400-jähriges Jubiläum.

Stiftskirche St. Gallen

Der Stiftsbezirk mit der Fürstabtei, der Stiftsbibliothek und der Stiftskirche St. Gallen – touristischer Höhepunkt der Stadt – zählt seit 1983 zum UNESCO Weltkulturerbe. Die Stiftskirche St. Gallus und Otmar wurde zwischen 1755 und 1766 als monumentaler Sakralbau des Spätbarocks errichtet. 1805 wurde das Kloster St. Gallen aufgehoben.

Stiftskirche St. Gallen, Innenansicht

Der Barocksaal der Stiftsbibliothek mit seiner Rokoko-Ausstattung wurde 1758 bis 1767 gebaut, Herzstück der Stiftsbibliothek ist die einzigartige Handschriftensammlung. Der Bücherbestand umfasst etwa 160.000 Bücher, noch heute ist die Stiftsbibliothek eine aktive Leihbibliothek.

Stiftskirche St. Gallen

Die evangelische Pfarrkirche St. Laurenzen enstand in der heutigen Form zwischen 1850 und 1854 nach Plänen von Johann Georg Müller im neugotischen Stil. 1969 bis 1973 wurde sie umfassend restauriert.

St. Laurenzen-Kirche


„Grüner Hof“, Gallusstrasse 26

Der Mauerwerk-Runderker am „Grünen Hof“ ist 1606 entstanden, als der spätere Besitzer Kaspar Schlumpf seine Stallung umbauen ließ. Heute findet man hier das Restaurant Am Gallusplatz.

Runderker am „Grünen Hof“, Gallusstrasse 26

Das „Haus zur Linde“, ein rot-weißer Riegelbau am Südrand des Gallusplatzes, ist 1576 entstanden, der Platz dürfte der älteste Platz in der Altstadt sein. Der Name des Hauses deutet auf die Sommerlinde hin, die dort schon im 18. Jahrhundert gestanden haben muss.

„Haus zur Linde“ am Gallusplatz

Zur Vergrößerung des 744 erstmals erwähnten Bruderspitals wurde 1515 bis 1518 an der Stelle des heutigen „Blauen Hauses“ am Klosterplatz gebaut. 1574 kaufte Joachim Mennhart das Anwesen und baute das Fachwerkhaus mit zwei Eckerkern, dessen Fachwerk 1609 blau angestrichen wurde. Seit 2005 ist im „Blauen Haus“ eine Chocolaterie zu finden.

„Blaues Haus“, Gallusstrasse 20


Am Broderbrunnen


„Stadtlounge“

Die öffentlichen und privaten Freiräume im „Bleicheli Quartier“, das aus einem kleinräumigen Wohn- und Gewerbequartier auf einer früheren Bleiche der St. Galler Textilindustrie entstanden ist, wirkten vor der Errichtung der Begegnungszone womöglich eher öde. Die Idee zur Gestaltung einer öffentlichen „Stadtlounge“ hatten der Architekt Carlos Martinez (* 1967 in Widnau) und die Multimedia-Künstlerin Pipilotti Rist (* 21. Juni 1962 in Grabs). 2005 wurde das „öffentliche Wohnzimmer“ mit entsprechenden Möbeln eingerichtet, in dem ein roter Bodenbelag aus durchgefärbtem Gummigranulat die unterschiedlichen Bereiche verbindet. Darüber hängen schwebende Leuchtkörper, die die „Stadtlounge“ in unterschiedliche, dezent wechselnde Lichtstimmungen versetzen.

„Stadtlounge“

Das 1904/05 für Stickereifabrikant Karl Fenkart erbaute Jugendstilgebäude „Haus Oceanic“ weist an der Fassade im ersten Obergeschoss ein kunstvolles Flachrelief des Bildhauers August Bösch (* 20. August 1857 in Ebnat, † 11. August 1911 in Zürich) auf, welches die griechischen Schicksalsgöttinen darstellt. Im „Haus Oceanic“ ist das erste „richtige“ Badezimmer der Stadt belegt.

„Haus Oceanic“, St. Leonhardstrasse 20

Die Lokremise wurde 1903 bis 1911 zur Zeit der Hochblüte der Textilindustrie nach Plänen des Schweizer Architekten Karl Moser (* 10. August 1860 in Baden, † 28. Februar 1936 in Zürich) zur Wartung von Dampflokomotiven erbaut und ist der größte noch erhalte Ringlokschuppen der Schweiz. Das Gebäude wird nach seiner Renovierung 2009/2010 von Konzert und Theater St. Gallen, dem Kunstmuseum St. Gallen, einem Programmkino sowie einem Restaurant als spartenübergreifendes Kulturzentrum genutzt.

Lokremise (Foto März 2009)

Im Haus „Zur Waage“ an der Ecke Multergasse/Neugasse befand sich einst der „Konsumverein“. 1904 baute der Architekt Wendelin Heene (* 4. März 1855 in Schönlinde, † 11. Februar 1913 in St. Gallen) anstelle der Häuser „Zur Waage“ und „Zur goldenen Garbe“ ein neues Geschäftshaus.

„Haus zur Waage“, Ecke Neugasse/Multergasse


„Haus zur Kugel“ (1690), Kugelgasse 8

Über 100 Erker zieren die Häuserfassaden in der Fußgängerzone und erzählen von den erfolgreichen Textilkaufleuten. Die meisten der kunstvoll geschnitzten Erker (so genannte Prachtserker) befinden sich in der Spisergasse, der Marktgasse, der Kugelgasse und in der Schmiedgasse. Die Häuser „zur Kugel“ und „zum Schwanen“ besitzen besonders reich geschnitzte Erker aus dem 17. Jahrhundert.

„Haus zum Schwanen“, Kugelgasse 10


„Haus zum Bären“, Spisergasse 13

1673 wurde am so genannten „Haus zum Kamel“ in der Oberen Marktgasse ein einstöckiger holzgeschnitzer Erker angebracht, 1720 ein weiterer im gleichen Stil ein Stockwerk höher. Zwischen den beiden Erkern wurde ein hölzernes Kamelrelief angebracht. 1919 wurde das „Haus zum Kamel“ abgebrochen und der Erker im städtischen Magazin verwahrt. 1984 wurde der Doppelerker am „Haus zur Melone“ angebracht, das Kamelrelief kann man sich im Historischen Museum anschauen.

„Kamel-Erker“ am „Haus zur Melone“, Spisergasse 22


Schiedmauer


Schiedmauer

Zwischen Abtei und Stadt wurde eine Schiedmauer gebaut, die 1566/67 unter Abt Ulrich Rösch (* 14. Februar 1426 in Wangen im Allgäu, † 13. März 1491 in Wil) die völlige Trennung des Klosters vom reformierten Teil der Stadt besiegelte. Das Kloster bekam 1570 ein eigenes Stadttor in der Südmauer, das „Abtstor“. Später bekam das Tor den Namen Karlstor, der auf den Besuch des Kardinals und Erzbischofs von Mailand, Karl Borromäus (* 2. Oktober 1538 bei Arona, † 3. November 1584 in Mailand) zurückgeführt wird, dieser soll als erster das Tor passiert haben. 1828 wurde die Schiedmauer zwischen Kloster und Stadt abgebrochen. Das Karlstor ist als einziges Tor der mittelalterlichen Stadtbefestigung erhalten geblieben.

Karlstor

Die 1998 nach Plänen von Santiago Calatrava (* 28. Juli 1951 in Benimàmet, Valencia) errichtete Notrufzentrale setzt mit ihrem beweglichen Dach einen einmaligen Akzent. In dem unterirdischen Gebäude werden rund um die Uhr sämtliche Notrufe aus dem ganzen Kanton entgegengenommen und die entsprechenden Einsätze koordiniert.

Kantonale Notrufzentrale in der Moosbruggstrasse

Das 1584/1585 durch Stadtbaumeister Wolfgang Fögeli als Kauf-, Gred- und Waaghaus erbaute Gebäude am Bohl diente den Kaufleuten bis ins 19. Jahrhundert als Lagerhaus und zum Wägen der Güter. Mit der Eröffnung der Bahnlinie St. Gallen – Winterthur (1856) und durch den Bau eines neuen Zoll- und Niederlagshauses 1863 – 1865 beim Bahnhof verlor das Gebäude seine ursprüngliche Bestimmung als Lagerhaus mit amtlicher Waage. Seit der Restaurierung 1963 befindet sich im Obergeschoss der Sitzungssaal des Grossen Gemeinderates.

Waaghaus beim Brühltor, Westfassade


Tonhalle

Das nach Plänen des Zürcher Architekten Claude Paillard (* 7. Mai 1923 in Zürich, † 8. Juli 2004 in Zürich) errichtete Theater im Museumsviertel wurde am 15. März 1968 mit der Oper „Fidelio“ von Ludwig van Beethoven eröffnet. Seit dem Mittelalter wird in St. Gallen Theater gespielt, seit Anfang des 19. Jahrhunderts als erstes schweizerisches Berufstheater mit Dreispartenangebot. Das ehemalige Stadttheater St. Gallen und das Sinfonieorchester St. Gallen firmieren seit 2000 unter Konzert und Theater St. Gallen.

Theater

Das Kunstmuseum St. Gallen zählt mit seiner Gemälde- und Skulpturensammlung zu den bedeutenden Kunstmuseen der Ostschweiz. Es teilt sich mit dem Naturmuseum St. Gallen das am 8. Oktober 1877 eröffnete, im Stil der Neorenaissance errichtete Gebäude.

Kunstmuseum

Sonntag, 26. Februar 2012

Elisabeth

„Elisabeth“ – Musik: Silvester Levay; Buch, Lyrics: Michael Kunze; Regie: Harry Kupfer; Choreografie: Dennis Callahan; Bühne: Hans Schavernoch; Kostüme: Yan Tax; Licht: Hans Toelstede; Videodesign: Thomas Reimer; Ton: Cedric Beatty; Musikalische Leitung: Daniel Behrens. Darsteller: u. a. Annemieke van Dam (Elisabeth), Mark Seibert (Der Tod), Kurosch Abbasi (Luigi Lucheni), Mathias Edenborn (Kaiser Franz Joseph), Betty Vermeulen (Erzherzogin Sophie), Oliver Arno (Kronprinz Rudolf), Elissa Huber (Herzogin Ludovika/Frau Wolf), Dennis Kozeluh (Herzog Max in Bayern). Uraufführung: 3. September 1992, Theater an der Wien. Premiere: 13. Oktober 2011, Musical Dome Köln. Besuchte Vorstellung: 17. Februar 2012, Colosseum Theater, Essen.



Kaiserlicher Besuch in Essen


Das Musical „Elisabeth“ kehrt im Rahmen seiner Deutschlandtournee für wenige Wochen ins Essener Colosseum zurück

von Gregor-Anatol Bockstefl

„Elisabeth“ kann wohl mit Recht als das „erfolgreichste deutschsprachige Musical“ bezeichnet werden: Vor fast 20 Jahren in Wien aufgeführt, ist das Stück von Michael Kunze (Buch und Text) und Sylvester Levay (Musik) seither auf Erfolgszug durch Kontinentaleuropa und dem asiatischen Raum. Lediglich der Erfolg in Angloamerika blieb dem Stück – bisher – verwehrt. Nichtsdestotrotz dürfte seit der Uraufführung kaum ein Tag vergangen sein, an dem die österreichische Kaiserin nicht irgendwo auf der Bühne stand. „Elisabeth“ – das ist die Geschichte der österreichischen Kaiserin jenseits aller Klischees, die man aus den Sissi-Filmen mit Romy Schneider kennt.

Annemieke van Dam (Elisabeth) und Mark Seibert (Der Tod),
Foto: Herbert Schulze


Das Leben der österreichischen Kaiserin Elisabeth (1837-1898) wird aus der Sicht ihres Attentäters Luigi Lucheni, der sie am 10. September 1898 mit einer Feile ermordete, erzählt. In einem imaginären Reich der Toten und Träumer muss er sich vor einem unsichtbaren Richter für seine Tat rechtfertigen. Lucheni behauptet, er habe der Kaiserin nur einen Gefallen getan, sie sei die Geliebte des Todes gewesen. Zum Beweis lässt er die versunkene Welt des Habsburger­reiches noch einmal auferstehen. Und tatsächlich ist der Tod – ein androgyner junger Mann, der dem jungen Heinrich Heine ähnelt (Elisabeth war im tatsächlichen Leben eine Heine-Jüngerin) – von Anfang an Elisabeths ständiger Begleiter: Je mehr sie sich von den Bevormundungen ihrer Schwiegermutter Erzherzogin Sophie, den Zwängen des spanischen Hofzeremoniells und den Pflichten der höfischen Repräsentation eingeengt fühlt, desto mehr bietet sich ihr der Tod als Alternative an. Doch erst nach Jahren unsteten Suchens und Umherreisens sowie schweren Schicksals­schlägen, unter anderem dem Selbstmord ihres Sohnes Rudolf, hat der Tod Erbarmen mit ihr. In einer Schlussapotheose gibt er ihr den Todeskuss - eigentlich fast ein Happy End. Keine leichte Kost unbedingt, die Kunze und Levay aus dem Elisabeth-Stoff gemacht haben. Doch das Konzept überzeugt, das Musical ist intelligent gemacht, zu den klugen Texten gesellen sich eingängige Melodien, die zwischen anspruchsvollem Schlager, Pop und Rock changieren, in die sich manchmal auch dissonante Passagen einflechten. Zu einer wahren Hymne wurde Elisabeths Hauptsong „Ich gehör nur mir“.

Mark Seibert (Der Tod), Foto: Herbert Schulze

„Elisabeth“ war im Essener Colosseum schon von 2001 bis 2003 zu sehen und bedeutete neben dem „König der Löwen“ in Hamburg den Start für die Tätigkeit des eigentlich aus den Niederlanden kommenden Musicalkonzerns Stage Entertainment in Deutschland. Damals übernahm man das Regiekonzept aus den Niederlanden mit der Uraufführungs­besetzung Pia Douwes und Uwe Kröger in den Hauptrollen. In der Zwischenzeit wurde der Ensuite-Betrieb nach einigen Musicalflops wie „Buddy – Die Buddy Holly Story“ und „Ich will Spaß“ im Colosseum eingestellt und das Haus wird nur mehr für Gastspielproduktionen genutzt. Umso erfreulicher, dass mit „Elisabeth“ nun eine Produktion in Essen Station macht, die über das Niveau herkömmlicher Tourneeproduktionen weit hinausreicht.

Annemieke van Dam (Elisabeth), Foto: Herbert Schulze

Während für die Ensuite-Produktion in Essen der holländische Regisseur Eddy Habbema verantwortlich zeichnete, wurde für die Elisabeth-Tournee das Uraufführungsteam, Regisseur Harry Kupfer und Bühnenbildner Hans Schavernoch, verpflichtet. Die Neuinszenierung lehnt sich jedoch großteils an die Urinszenierung an. Die düstere, symbolgeladene und bildgewaltige Regie von Harry Kupfer verlieh „Elisabeth“ wohl erst jene intellektuelle Tiefe, die das Musical aus den übrigen Produktionen des Genres heraushebt. Entsprechend angepasst und tourneetauglich gemacht musste das Bühnenbild werden: die zahlreichen Prospekte, die Drehbühne und Versenkungen waren auf den Uraufführungsort des Theaters an der Wien zugeschnitten und können nicht auf andere Häuser übertragen werden. Trotz allem atmet die Tourneeproduktion den Geist der Uraufführung: Die dominierende Feile, die auch als Auftrittsmöglichkeit dient, ist auch hier zu sehen, darüber hinaus behilft sich Hans Schavernoch mit konvexen und konkaven Spiegelwänden, die mit heb- und senkbaren Toren versehen sind, aus denen die Darsteller auf- und abtreten, sowie mit Projektionen, die sich großteils an die Prospekte der Uraufführung anlehnen. Manche Bilder wirken sogar fast noch eindrucksvoller und heutiger als in der Uraufführungsproduktion, der modernen Computer- und Lichttechnik sei Dank. Der, der die Wiener Produktion gesehen hat, wird vielleicht die Kutsche des Todes oder das Deck der sinkenden Welt am Schluss vermissen, Bilder, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben, aber aufgrund der technischen Möglichkeiten bei einer Tourneeproduktion nicht umgesetzt werden konnten.

Annemieke van Dam (Elisabeth) und Mathias Edenborn (Kaiser Franz Josef), Foto: Herbert Schulze

Auch in Essen steht eine exquisite Besetzung auf der Bühne: Annemieke van Dam, die schon Alternativbesetzung für Pia Douwes in Berlin war und auch die Titelrolle bei der Tour 2009/10 übernommen hat, macht als Elisabeth die Entwicklung vom jungen, unbeschwerten Wildfang zur verhärmten, wirklichkeitsfremden und todessehnsüchtigen Kaiserin überzeugend nachvollziehbar. Schon optisch eine Idealbesetzung, kann sie nebenbei mit beeindruckendem Schauspiel und großer Stimme punkten, die vielleicht in manchen Passagen etwas schrill klingt. Mark Seibert, optisch ein Bild von einem Mann und deshalb schon allein prädestiniert für die Rolle des Todes, legt unbeeinflusst von prominenten Vorgängern wie Uwe Kröger, Thomas Borchert oder Maté Kamaras eine ganz eigene Interpretation vor. Er ist weder ein androgyner Jüngling, noch ein Popstar, wie die Rolle sonst oft angelegt wird. Sein Spiel ist sehr unterkühlt, reduziert, er macht eigentlich sehr wenig und wirkt deshalb umso mehr geheimnisvoll, mysteriös und manchmal auch gefährlich. Stimmlich ist er für mich jedenfalls die überzeugendste Besetzung seit Langem, auch die höheren Passagen meistert er mühelos. Kurosch Abbasi, der als „Entdeckung“ der Produktion gilt, konnte mich jedoch nicht so ganz überzeugen. Zwar ist er ein guter Schauspieler, kann aber seine doch evidenten stimmlichen Defizite (er muss einige höhere Töne heruntertransponieren) nur durch seine sympathische Ausstrahlung wettmachen. Mathias Edenborn als Kaiser Franz Joseph ist unter seinen stimmlichen Möglichkeiten besetzt und bleibt das ganze Stück über eher farblos. Was man auch von Betty Vermeulen als Erzherzogin Sophie sagen kann, die das Geschehen am Wiener Hof nicht so dominiert wie es die Rolle eigentlich vorgibt. Punkten kann hingegen Oliver Arno in der kleinen Rolle des Kronprinzen Rudolf, der seinen ständigen inneren Zweikampf zwischen Aufbegehren und Gehorsam eindrucksvoll darstellt. Perfekt harmonierte er mit Mark Seibert im Duett „Die Schatten werden länger“. Der Auftritt war einer der stärksten des ganzen Abends und wurde vom Publikum heftig akklamiert. Darüber hinaus zeichnet sich das Ensemble durch große Spielfreude aus, wobei ich vor allem Dennis Kozeluh als Elisabeths Vater Herzog Max in Bayern, Martin Pasching als Graf Grünne, Ann Christine Elverum als Gräfin Esterhazy-Liechtenstein und Alice Macura als Fräulein Windisch hervorheben möchte – sie alle machten in ihren oft kleinen Auftritten deutlich, wie hochkarätig diese Produktion bis in die kleinsten Rollen besetzt ist.

Betty Vermeulen (Erzherzogin Sophie) und Dennis Kozeluh (Herzog Max in Bayern), Foto: Herbert Schulze

Alles in allem eine intensive, packende Produktion auf hohem darstellerischen und musikalischen Niveau, die eigentlich mehr Publikum verdient hätte (die von mir besuchte Vorstellung war nur zu ca. 70 Prozent besetzt). Wer das Stück also noch nicht gesehen hat, sollte dies noch unbedingt nachholen, bis 4. März besteht noch im Essener Colosseum die Möglichkeit!

Kurosch Abbasi (Luigi Lucheni), Foto: Herbert Schulze

Soweit Gregors Eindrücke von seinem Besuch der Aufführung im Colosseum Theater in Essen. Bleibt mir nur noch anzumerken, dass die Tourneeproduktion der Semmel Concerts Veranstaltungsservice GmbH nach dem Gastspiel in Essen noch in folgenden Städten zu sehen sein wird:
  • Bremen, Musical Theater, 7. März bis 25. März 2012
  • Chemnitz, Stadthalle, Großer Saal, 28. März bis 1. April 2012
  • Erfurt, Messe, 4. April bis 8. April
  • Leipzig, Arena Leipzig, 12. April bis 15. April 2012
  • Dresden, Kulturpalast, 19. April bis 22. April 2012

Haben Sie selbst die Tourneeproduktion des Musicals „Elisabeth“ schon gesehen? Wie hat Ihnen die Vorstellung gefallen?

Mittwoch, 22. Februar 2012

Ankündigung: „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“ im Kunstraum Notkirche

Wanderausstellung zur Lebensgeschichte Anne Franks soll Besinnung auf die Gefahren von Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung fördern

Das Tagebuch des jüdischen Mädchens Anne Frank (* 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main; † Anfang März 1945 im KZ Bergen-Belsen) ist Symbol für den Völkermord an den Juden durch die Nationalsozialisten und intimes Dokument der Lebens- und Gedankenwelt einer jungen Schriftstellerin. In der Ausstellung „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“ erzählen große Bildwände in sechs Abschnitten von ihren ersten Jahren in Frankfurt am Main und der Flucht vor den Nationalsozialisten, über die Zeit in Amsterdam – glückliche Kindheit und schwere Zeit im Versteck in einem Hinterhaus in der Prinsengracht 263 – bis zu den letzten schrecklichen sieben Monaten in den Lagern Westerbork, Auschwitz und Bergen-Belsen. Viele private Fotos erlauben einen ganz intimen Einblick in das Leben der Familie Frank und ihrer Freunde.

Ihre persönliche Geschichte wird verbunden mit der Geschichte der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus, der Judenverfolgung, des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs. Wichtige geschichtliche Ereignisse werden kurz erläutert und durch Filme und Aussagen von Zeitzeugen ergänzt. Neben der Perspektive der Verfolgten und ihrer Helfer wird die Perspektive von Mitläufern und Tätern dargestellt.

Jugendliche in der Ausstellung „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“ im Deutschen Bundestag
© Anne Frank Zentrum/Mandy Klötzer


Kernstück der neuen Ausstellung ist der Gedankenraum, der sich der langen Zeit im Versteck widmet. Audiozitate würdigen Anne Frank als Tagebuchschreiberin und Chronistin ihrer Zeit. Sie ermöglichen ein Nachdenken über die Parallelen und Unterschiede zwischen gestern und heute. Dazu zeigt die Ausstellung die Geschichte des Tagebuchs seit dessen Veröffentlichung im Jahr 1947 unter dem Titel „Het Achterhuis: Dagboekbrieven van 12 Juni 1942 – 1 Augustus 1944“.

Die Ausstellung bietet Jugendlichen ein Forum, sich mit Fragen auseinander zu setzen, die sie an ihr eigenes Leben stellen. Es sind Fragen des Erwachsenwerdens, auf die schon Anne Frank Antworten suchte, nach dem eigenen Ort im sozialen und politischen Leben. Die neue Anne Frank-Ausstellung wendet sich dazu direkt an Jugendliche heute mit Fragen zu Identität, Gruppenzugehörigkeit und Diskriminierung: Wer bin ich? Wer sind wir? Wen schließen wir aus? Kurze Filme mit Jugendlichen von heute regen zur Diskussion zu diesen Themen an. Ausgehend von der Frage „Was kann ich bewirken?“ ermutigt die Ausstellung zum Einsatz für eine menschliche Gesellschaft heute. An allen Ausstellungsorten werden Jugendliche durch das Berliner Anne Frank Zentrum zu Ausstellungsbegleiterinnen und -begleitern ausgebildet, um dann Gleichaltrige auf Augenhöhe durch die Ausstellung zu begleiten.

Jugendliche Ausstellungsbegleitung
© Anne Frank Zentrum/Mandy Klötzer


Die Ausstellung „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“ wurde im Rahmen des Ausstellungs- und Botschafterprojekts „Anne Frank und wir“ vom Anne Frank Haus und Anne Frank Zentrum entwickelt. Sie richtet sich an Schülerinnen und Schüler sowie an Erwachsene. Nach der Erstpräsentation im Deutschen Bundestag/Paul-Löbe-Haus vom 19. Januar bis 16. Februar 2012 wird sie als Wanderausstellung deutschlandweit zu sehen sein. Auf Initiative der Realschule Essen-West wird die erste Station der Wanderausstellung vom 8. März bis 4. April 2012 der Kunstraum Notkirche in der ehemaligen „Apostelnotkirche“, Mülheimer Straße 70 in Essen sein, Kooperationspartner sind die Evangelische Kirchengemeinde Frohnhausen und das Schulreferat des Kirchenkreises Essen. Im „Kunstraum Notkirche“ werden 30 Schülerinnen und Schüler der Realschule Essen-West als Peer Guides angemeldete Klassen durch die Ausstellung begleiten. Im o. g. Zeitraum wird die Ausstellung dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, samstags von 10 bis 13 Uhr und sonntags von 12 bis 13 Uhr geöffnet sein. Besuchergruppen können sich im Café Forum der Apostelkirche unter der Rufnummer (0201) 8745204 anmelden (Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr).

„Apostelnotkirche“

Montag, 20. Februar 2012

Altenberger Dom

Ehemailige Zisterzienserabtei im Tal der Dhünn

Klostermauer

Graf Adolf II. von Berg übergab 1133 die Liegenschaften rund um die aufgegebene Stammburg Berge den Zisterziensern, die im wasserreichen Tal der Dhünn ab dem 25. August 1133 die nach der Burg „Berg“ benannte Abtei Altenberg mit einer ersten romanischen Klosterkirche errichteten. Am 3. März 1259 legte Graf Adolf IV. von Berg den Grundstein des gotischen Kirchenneubaus, 1287 wurde der Chor geweiht, 1379 folgte die Weihe des gesamten „Bergischen Doms“.

Altenberger Dom

Die aufgrund ihrer Dimensionen mit dem Zusatz „Dom“ versehene Klosterkirche entging nach der Auflösung und Enteignung des Klosters im Rahmen der Säkularisation im Jahr 1803 nur knapp der vollständigen Zerstörung. Denn in der chemischen Fabrik, die die Chemiker Johann Gottfried Wöllner und Friedrich Mannes nach der Vertreibung der Mönche in den Klostergebäuden eingerichtet hatten, brach im November 1815 ein verherender Brand aus, der nicht nur die mittelalterlichen Konventbauten rund um den Kreuzgang, sondern auch das Dach der Kirche vernichtete.

Altenberger Dom

In den folgenden Jahren kam es zum Einsturz des halben Chores, der völlige Abriss konnte 1834 durch Übertragung an den preußischen Staat vereitelt werden. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. (* 3. August 1770 in Potsdam, † 7. Juni 1840 in Berlin) unterstützte die Restaurierung der Abteikirche maßgeblich, nachdem er das Grab einer Urahnin aus dem Haus Brandenburg in der Ruine gesehen hatte, die in das Bergische Grafenhaus eingeheiratet hatte. Auf seinen Befehl wurde auch das bis heute bestehende Simultaneum eingeführt, wonach die Kirche von beiden Konfessionen genutzt wird, aber zu unterschiedlichen Zeiten.

Altenberger Dom

Am 20. Juli 1894 gründete schließlich Maria Zanders (* 9. März 1839 in Hückeswagen, † 6. Dezember 1904 in Bergisch Gladbach), tatkräftige Gattin des Papierindustriellen Carl Richard Zanders (* 16. Juli 1826 in Bergisch Gladbach, † 23. August 1870 in Bergisch Gladbach), den Altenberger Dom-Verein, der sich bis heute für Erhalt und Erforschung der Abteikirche einsetzt. Anstelle der einstigen Klausur entstand 1922 unter Prälat Carl Mosterts (* 28. Oktober 1874 in Goch, † 25. August 1926 in Lausanne) die Begegnungsstätte Haus Altenberg, die unter seinem Nachfolger Prälat Ludwig Wolker (* 8. April 1887 in München, † 17. Juli 1955 in Cervia/Ravenna) 1926 zum Zentrum der katholischen Jugendbewegung in Deutschland wurde. Sie besteht noch heute als Jugendbildungsstätte Haus Altenberg e. V. des Erzbistums Köln.

Altenberger Dom, Detail der Westfassade

Wer heute vor der 1259 begonnenen Abteikirche steht, mag erstaunt sein, dass im abgelegenen Tal der Dhünn ein direkter Ableger der französichen Kathedralgotik entstanden ist. Vorbild waren aber nicht nur die Abteikirchen des Ordens in Frankreich, sondern auch der im Jahr 1248 begonnene Bau des Kölner Doms. Nach dem Schlichtheitsgebot der Zisterzienser wurde beim Altenberger Dom alles auf das Westentliche reduziert. Zisterzienserkirchen durften daher keine Kirchtürme, sondern nur Dachreiter haben.

Bernhard von Clairvaux

Einer der bedeutendsten Mönche des Zisterzienserordens ist Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153). Zu seinen Lebzeiten gab es bereits mehr als 300 Klöster der Zisterzienser in ganz Europa. In Altenberg lebten in der Blütezeit des Ordens über 100 Mönche. Die Figur steht vor dem Lettnergitter aus dem Jahr 1644, das zur Abtrennung des Mönchschores diente.

Langhaus


Madonna im Strahlenkranz

Die über dem Eingang des Hohen Chores hängende Madonna im Strahlenkranz stammt aus der Zeit um 1530, sie ist doppelseitig geschnitzt und zeigt auf beiden Seiten Maria mit dem Jesuskind, das die Weltkugel trägt.

Madonna im Strahlenkranz

Die Klosterkirche diente bis 1524 als Grablege der Grafen und Herzöge von Berg, im Herzogenchor befinden sich u. a. die sterblichen Überreste des Klostergründers Graf Adolf II. von Berg und seines Bruders, Graf Everhard von Berg.

Herzogenchor

Die Orgel im Altenberger Dom wurde 1980 von der Bonner Orgelbauwerkstatt Johannes Klais Orgelbau erbaut und im Jahr 2005 erweitert und renoviert. Mit 88 Registern und über 6.000 Pfeifen ist sie eine der größten und klanggewaltigsten Orgeln in Deutschland.

Orgel

Das bronzene Adlerpult im Hohen Chor stammt im Original aus dem Jahr 1449, im Altenberger Dom befindet sich aber nur eine Kopie. Das Original befindet sich in der katholischen Kirche St. Maximilian in Düsseldorf.

Adlerpult

Das Chorgestühl aus dem 14. Jahrhundert war nach der Verwüstung der Kirche in private Hände gelangt und hat nun im Berliner Kunstgewerbemuseum einen dauerhaften Platz gefunden. Im Altenberger Dom steht eine Kopie.

Chorgestühl, Detail


Langhaus

Der Altaraufsatz mit der Darstellung der Krönung Marias im Himmel ist in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts um 1480 entstanden, er stammt nicht aus der ursprünglichen Ausstattung des Altenberger Doms.

Altaraufsatz mit Marienkrönung in der Marienkapelle


Westfenster

Mit seinen Maßen von 8 × 18 m ist das Westfenster eines der größten erhaltenen Kirchenfenster des Mittelalters. Es wurde um 1394 – 97 von Herzog Wilhelm von Berg und seiner Frau Anna von der Pfalz-Bayern gestiftet. Nach der Erhebung in den Herzogsstand 1380 sollte die Gabe womöglich ein repräsentatives Monument der Würde der Dynastie sein. Es symbolisiert das Himmlische Jerusalem, eine endzeitliche Vision. Der Entwurf für das Westfenster könnte vom „Meister des Berswordt-Retabels“ stammen. Zum Schutz für die wertvollen Glasmalereien wurde 1996 eine Außenschutzverglasung anstelle der Originale eingebaut, und anschließend das Originalfenster mit einigen Zentimeter Abstand innenseitig vor die Schutzverglasung montiert.

Westfenster, Detail

Der Unterkörper des Erzengels Gabriel wurde im 19. Jahrhundert zur Hl. Elisabeth mit dem Stifterbild Anna von der Pfalz-Bayern ergänzt. Die Hl. Drei Könige aus dem Kontext der Anbetung gingen verloren, nach der Blickrichtung der hl. Familie müssen sich diese links befunden haben.

Westfenster, Elisabeth mit Stifterin (links) und hl. Familie (rechts)


Westfenster, Johannes der Evangelist (links) und Benedikt (rechts)

Die westlichen Seitenschiffsfenster sowie die beiden kleineren seitlichen Westfenster wurden seit 1894 auf Initiative des Altenberger Dom-Vereins von der Frankfurter Glasmalereifirma Alexander Linnemann im Rahmen einer umfassenden Restaurierung der Fenster des Altenberger Doms angefertigt.

seitliches Westfenster


Markuskapelle

Die Markuskapelle am Küchenhof ist das älteste Bauwerk im Klosterbezirk. Sie entstand 1225/30 in den Formen rheinischer Spätromanik und diente zunächst als Grablege der Stifterfamilie.

Fenster in der Markuskapelle

Die früheren Wirtschaftsgebäude des Klosters Altenberg und der ursprüngliche Vier-Seiten-Hof unmittelbar gegenüber des Altenberger Doms erhielten Mitte des 18. Jahrhunderts unter Abt Johannes Hoerdt ihre heutige Gestalt. Der Hof wird heute gastronomisch genutzt.

Küchenhof

Der „Bergische Dom“ und die Markuskapelle im Ortsteil Altenberg der Gemeide Odenthal im Bergischen Land sind täglich geöffnet. Es steht nur eine begrenzte Anzahl von Parkplätzen zur Verfügung, die an Sonn- und Feiertagen sowie bei Veranstaltungen schnell belegt sein können.