Montag, 22. Februar 2010

Jesus Christ Superstar

„Jesus Christ Superstar“ – Musik: Andrew Lloyd Webber, Texte: Tim Rice, Regie: Michael Schulz, Choreografie: James de Groot / Paul Kribbe, Bühne: Kathrin-Susann Brose, Kostüme: Klaus Bruns, Musikalische Leitung: Heribert Feckler, Darsteller: u.a. Serkan Kaya (Judas Iskariot), Henrik Wager (Jesus von Nazareth), Peti van der Velde (Maria Magdalena), Michael Haag (Kaiphas), Michael Bergmann (Annas), Romeo Salazar (Simon Zelotes), Rainer Maria Röhr (Pontius Pilatus), Marco A. Billep (Petrus), Martin Berger / Rüdiger Frank (König Herodes), Paula Archangelo, Michelle Escano, Debora Formica, Claudia Dilay Hauf, Kristin Josefiak, Heather Shockley (Soulgirls), Uraufführung: 12.10.1971, Mark Hellinger Theatre, New York. Premiere: 09.09.2006, Wiederaufnahme: 21.02.2010, Aalto-Theater Essen.



Jesus Christ Superstar


Wiederaufnahme am Aalto-Theater Essen mit tollen Protagonisten


Nachdem sich am 5. Februar 2010 das Musical „Chess“ mit Henrik Wager als Frederick Trumper und Serkan Kaya als Anatoly Sergievsky nach zwei Spielzeiten von der Bühne des Aalto-Theaters in Essen verabschiedet hatte, meldeten sich die beiden Protagonisten bereits am 21. Februar 2010 wieder auf der Bühne des „Opernhauses des Jahres“ 2008 zurück, und zwar in der Wiederaufnahme der Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ in der Inszenierung von Michael Schulz. Diese Inszenierung hatte bereits am 9. September 2006 am Aalto-Theater Premiere und stand seinerzeit für zwei Spielzeiten auf dem Spielplan. Im Kulturhauptstadtjahr setzt man hier erneut auf den Klassiker mit Kultpotenzial.

Jugendliche ab 12 Jahren mit Interesse an Theater und Musik hatten am 21. Februar 2010 ab 11.30 Uhr Gelegenheit, den Tag im Opernhaus zu verbringen, hinter die Kulissen zu schauen, einen Einblick in die Vorbereitungen zu einer Musical-Wiederaufnahme zu gewinnen, und beim Tanzen, Schminken, Schauspielern, Musizieren und Basteln selbst aktiv zu werden. Nach dem großen Erfolg im vergangenen Jahr wurde erneut ein „JOTA Spezial“ (Junger Opern Treff Aalto, gegründet von Marie-Helen Joël) mit unterschiedlichen Workshops angeboten, in denen die jungen Mitwirkenden gemeinsam mit Bühnenprofis ein Stück kennen lernen und ihre Talente einsetzen konnten. Dieses Jahr stand Andrew Lloyd Webbers „Jesus Christ Superstar“ im Mittelpunkt, das am gleichen Abend seine Wiederaufnahme erlebte. Um 17 Uhr präsentierten die Jugendlichen im Foyer des Aalto-Theaters in der „J.C. Superstar Exibition“ als Ergebnis der Workshops ihre Musik, Tänze und Ausstellungsstücke. Die Begeisterung war ihnen anzumerken.

Die Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ zeichnet die letzten sieben Tage im Leben von Jesus von Nazareth aus der Perspektive von Judas Iskariot nach und gipfelt in seiner Kreuzigung. Daher dürfte die Handlung wohl jedem Theaterbesucher – zumindest in Ansätzen – bekannt sein, so dass die Aufführung in englischer Sprache eigentlich ohne die deutschen Übertitel auskäme. Man darf jedoch keinesfalls eine wahrheitsgemäße Wiedergabe der Passionsgeschichte erwarten. Bereits bei der Veröffentlichung als Konzeptalbum im Jahr 1970 sorgte die Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ wegen ihrer Thematik für Aufsehen. Im Mittelpunkt steht die konflikt- und spannungsreiche Beziehung zwischen Jesus und seinem ursprünglich treuen Freund und Jünger Judas, der zum Verräter werden muss. Eine ausführliche Rezensionen der Essener Inszenierung aus dem Jahre 2006 findet man z.B. in musicals – Das Musicalmagazin, Heft 121, Seite 26. Nun kann man natürlich geteilter Meinung darüber sein, ob einem die moderne Inszenierung von Opernspezialist Michael Schulz zusagt. Einige werden sie als brillanten Geniestreich loben, Kritiker werden sie womöglich als modernes Regietheater abtun. Von der gewohnten Inszenierung typischer Stadttheater-Produktionen hebt sie sich auf alle Fälle ab. An der Leistung der Protagonisten kann in Essen allerdings überhaupt kein Zweifel bestehen. Ich möchte mich im Folgenden auf die Darsteller der beiden zentralen Figuren und die Künstler beschränken, die in dieser Spielzeit erstmals in der Essener Inszenierung auf der Bühne des Aalto-Theaters stehen.

Serkan Kaya, der sein Studium an der Folkwang Hochschule (heute Folkwang Universität für Musik, Theater, Tanz, Gestaltung und Wissenschaft) in Essen in den Studiengängen Schauspiel und Musical jeweils mit dem Diplom abschloss, ist seit der Premiere von „Jesus Christ Superstar“ im Jahre 2006 regelmäßig gern gesehener Gast auf der Bühne des Aalto-Theaters. Sein erstes Musicalengagement erhielt er als Emilio in „Miami Nights“ im Düsseldorfer Capitol Theater (Regie: Alex Balga). Sein Weg führte ihn an die Vereinigten Bühnen Wien, wo er unter Harry Kupfer als Luigi Lucheni in der Wiener Neuinszenierung von „Elisabeth“ überzeugte, und nach Amstetten, wo er die Hauptrolle des Ren MacCormack in Kim Duddys „Footloose“ Inszenierung übernahm. Dass ihm rockige Töne liegen, hat er als Galileo Figaro im Musical „We Will Rock You“ in Köln, Zürich und Wien bewiesen. Im Kölner Musical Dome spielte er die Hauptrolle des Sir Galahad in Monty Python’s „Spamalot“, und aktuell ist er auch noch bis zum 26. März 2010 als Che Guevara in der Dortmunder Inszenierung von Andrew Lloyd Webbers „Evita“ zu erleben. Serkan Kaya zeichnet die Entwicklung von Judas als desillusioniertem Jünger Jesu zum Verräter, der sich in seiner Verzweifelung in dem Glauben erhängt, dass Gott ihn nie wieder lieben könne, auf der Bühne des Aalto-Theaters glaubhaft nach. In seinen Soli „Heaven on their minds“, „Dammed for all time” und „Superstar” setzt er sich effektvoll in Szene.

Der aus Manchester stammende Henrik Wager hat seine künstlerische Ausbildung in Birmingham an der School of Performing Arts und am Konservatorium absolviert. Er kam 2000 nach Deutschland, gründete eine Musik-Produktionsfirma und ist erfolgreich als Songwriter, Produzent und Sänger tätig. Im Musicalbereich verkörperte er u.a. die Titelrolle des Edgar Ellen Poe in Frank Nimsgerns Musical „Poe“ und die Rolle des Marc Winner in der Neuinszenierung von Eric Woolfsons „Gaudí“ im Kölner Palladium. Aktuell spielt er die Rolle des Berger im Musical „Hair“ am Staatstheater Kassel und Nationaltheater Mannheim. Er ist seit 2006 ebenfalls ständiger Gast bei den Musical-Produktionen des Aalto-Theaters. Henrik Wager stellt Jesus auf der Bühne als normalen Menschen mit Schwächen und Aggressionen dar, der sich mit Judas nicht nur Wortgefechte liefert, sondern sich sogar physisch mit ihm auseinandersetzt. Mit fantastischer Stimme präsentiert er ein fesselndes „Gethsemane (I Only Want To Say)“.

Die Niederländerin Peti van der Velde absolvierte ihr Studium am Königlichen Konservatorium Den Haag. In der deutschen Erstaufführung von Jonathan Larsons „Rent“ war sie als Mimi am Capitol Theater Düsseldorf, auf Tournee und an der Freien Volksbühne Berlin zu sehen. Es folgten weitere Engagements u.a. als Bienenkönigin in „Tabaluga & Lilli“ im TheatrO CentrO (heute Metronom Theater) Oberhausen, als Sheila in „Hair“ am Musical Theater Bremen, als Hyäne Shenzi und Cover Nala in Disneys „Der König der Löwen“ oder als Ozzy in „We Will Rock You“. Aktuell steht sie als Kala in Disneys Musical „Tarzan“ in Hamburg auf der Bühne des Theaters Neue Flora. Als Prostituierte Maria Magdalena gibt Peti van der Velde in „Jesus Christ Superstar“ ihr Aalto-Debüt und kann mit ihrem gefühlvollen „I don’t know how to love him“ das Essener Publikum auf Anhieb für sich gewinnen.

Ebenfalls neu im Ensemble von „Jesus Christ Superstar“ ist der aus Manila stammende Romeo Salazar, der bereits zuvor am Aalto-Theater als Schiedsrichter im Musical „Chess“ zu sehen war. Romeo Salazar hatte sein erstes Engagement in Essen bei der Produktion „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat” im Colosseum Theater und war der erste asiatische Künstler, der die Rolle des Joseph verkörperte. Aktuell ist Romeo auch als Cross Swing und Zweitbesetzung Terk in Disneys Musical „Tarzan“ im Theater Neue Flora in Hamburg zu sehen. In „Jesus Christ Superstar“ macht Romeo Salazar in der Rolle des Simon in „Simon Zealotes“ auf sich aufmerksam, indem er Jesus drängt, den Hass auf Rom im Volk zu schüren und die Macht zu ergreifen.

Marco A. Billep, der in der Rolle des Petrus sein Aalto-Debüt gibt, schloss sein Studium an der Universität der Künste Berlin als Diplom-Bühnendarsteller mit doppelter Auszeichnung (für das Studium und die Diplomarbeit) ab. Er spielte u.a. mehrfach die Rolle des Anführers der Jets, Riff in der „West Side Story“ und in verschiedenen Produktionen der Neuköllner Oper Berlin. Im Kölner Musical Dome spielte er die Hauptrolle des Dieners Patsy in Monty Python’s „Spamalot“. Marco A. Billep fügt sich gut in das Ensemble von „Jesus Christ Superstar“ ein, in „Peter’s Denial“ und noch stärker im Duett mit Peti van der Velde in „Could we start again, please“ kann er jedoch in den Vordergrund treten.

Nach „Spamalot“ wieder gemeinsam am Aalto-Theater zu erleben: Marco A. Billep und Martin Berger

Der gebürtige Österreicher Martin Berger spielt zum ersten Mal am Aalto-Theater, und zwar verkörpert er als Krankheitsvertretung für Rüdiger Frank die Rolle des König Herodes. In der deutschen Erstaufführung von Mel Brooks „The Producers“ war Martin Berger in Wien und Berlin als alternierende Erstbesetzung in der Hauptrolle des Max Bialystock zu sehen, parallel dazu verkörperte er in Monty Python’s „Spamalot“ Sir Bedevere und König Arthur. Aktuell ist Martin Berger auch als alternierende Edna Turnblad und als Walk-In Cover Wilbur Turnblad u.a. in dem Broadway Hit „Hairspray“ im Kölner Musical Dome zu sehen. Bekanntlich ist der Darsteller des König Herodes genau in einer einzigen Szene im 2. Akt zu sehen, in der Jesus von Herodes in einer revueähnlichen Selbstinszenierung aufgefordert wird, durch ein Wunder seine Unschuld zu beweisen. Nachdem Martin Berger einem überdimensionalen Engelskostüm entstiegen ist, verspottet er als teuflischer König Herodes mit „King Herod’s Song“ Jesus als König der Juden. Welch ein Auftritt! Wer Martin Berger noch als König Herodes am Aalto-Theater erleben möchte, muss sich beeilen. In der aktuellen Besetzungsplanung spielt er in der laufenden Spielzeit nur noch die Vorstellung am 28. Februar 2010.

Das United Rock Orchestra (bestehend aus einer Rockband mit zusätzlichem Schlagwerk und Pauken, drei Bläsern und drei Keyboards/Synthesizern) sorgt unter der bewährten Leitung von Heribert Feckler (zuletzt Musikalischer Leiter von Monty Python’s „Spamalot“ in Köln) im Orchestergraben für den authentischen Sound, der das dramatische Geschehen auf der Bühne unterstützt. Der Opern- und Kinderchor des Aalto-Theaters (Choreinstudierung: Alexander Eberle, Elena Pierini) sorgt in den Massenszenen für die nötige Klangfülle.

Nach 110 Minuten Aufführungsdauer (die durchkomponierte Rock-Oper wird im Aalto-Theater ohne Pause gespielt) kommt man zwangsläufig zu der Erkenntnis, dass das Musical in Essen noch lange nicht gestorben ist, auch wenn die Stage Entertainment nach dem Ende der vorgesehenen Spielzeit von „BUDDY – Das Buddy Holly Musical“ im Essener Colosseum Theater in kein weiteres neues Musical investieren möchte. Konnte man während der Vorstellung aufgrund der teilweise ehrfürchtigen Stille im Publikum noch Zweifel daran hegen, ob Essen seinem Jesus auch bei der Wiederaufnahme begeistert zujubeln wird, so wurden diese Zweifel spätestens beim Schlussapplaus zerstreut: Es gab Standing Ovations vom anwesenden Publikum, vor allem für die hervorragenden Hauptdarsteller. Für ein langes Überleben des Genres Musical am „Opernhaus des Jahres“ 2008 dürfte man allerdings gerne ein neues, bisher noch nicht auf der Bühne des Aalto-Theaters gezeigtes Stück auf den Spielplan setzen.

Bei Preisen von 19,25 € bis 51,70 € einschließlich Gebühren, Garderobe und VRR Kombi-Ticket (gültig für die kostenlose Hin- und Rückfahrt im kompletten Tarifgebiet des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr. Für Besucher, die mit dem Auto anreisen, steht kostenlos eine Tiefgarage unter dem Aalto-Theater zur Verfügung.) für „Jesus Christ Superstar“ im Vergleich zu 47,89 € bis 93,89 € am Sonntagabend zzgl. Garderobengebühr und Reisekosten für den Besuch des Musicals „BUDDY – Das Buddy Holly Musical“ im Colosseum Theater Essen braucht man keine hellseherischen Fähigkeiten, um schon jetzt eine gute Auslastung der verbleibenden acht Vorstellungen in der laufenden Spielzeit zu prognostizieren. Die Wiederaufnahme am 21. Februar 2010 war jedenfalls ausverkauft.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Der Tag, als das Musical in der Kulturhauptstadt Europas starb

Ein objektiver Rückblick

Essener Lichtwochen 2005: Das Ruhrgebiet mit Essen als „Bannerträger“ bewirbt sich als „Kulturhauptstadt Europas 2010“.

„The Day the Music Died“ bezieht sich auf den Flugzeugabsturz am 3. Februar 1959, bei dem die Musiker Buddy Holly, Ritchie Valens, Jiles Perry Richardson („The Big Bopper“) und der Pilot Roger Peterson ums Leben kamen. Ähnliches scheint sich augenblicklich in dem Theater abzuspielen, in dem seit dem 8. Oktober 2009 „BUDDY – Das Buddy Holly Musical“ aufgeführt wird. Man kann es durchaus ebenfalls als Tragödie bezeichnen.

Wir schreiben den 10. Februar 2010, und die Stage Entertainment GmbH verkündet in ihrer neuesten Pressemeldung „Pläne für das Colosseum Theater“. Aber der Reihe nach …

Die Geschichte des Hauses beginnt vor mehr als einem Jahrhundert. In den Jahren 1900 und 1901 wurde die dreischiffige Industriehalle am Ostrand der ehemaligen Essener Krupp-Gussstahlfabriken erbaut. Damals trug sie den Namen „VIII. Mechanische Werkstatt“ und war Arbeitsstätte von rund 2.000 Menschen, die unter anderem Lokomotivrahmen und Kurbelwellen für Schiffe herstellten. Im Zweiten Weltkrieg wurde diese Halle, im Gegensatz zu den meisten umliegenden Krupp’schen Industriegebäuden, nicht zerstört. AEG Kanis mietete sie zunächst und wurde später Eigentümer. Hier wurden zunächst Dampfturbinen, später nur noch Gasturbinen gebaut. Aufgrund ihrer großen Bedeutung für die Industriegeschichte wurde die „VIII. Mechanische Werkstatt“ 1989 unter Denkmalschutz gestellt. Anfang 1992 wurde der ehemalige Betriebsstandort von AEG Kanis am Nordwestrand der Essener City geräumt. Heute legt das Backsteingebäude, welches ehemals zusammen mit dem zwischenzeitlich zum IKEA-Parkhaus umgenutzten ehemaligen Krupp’schen Press- und Hammerwerk das Eingangstor zur Krupp’schen Gussstahlfabrik gebildet hatte, Zeugnis ab über längst vergangene Zeiten, wo man mit der Stadt Essen noch zu Recht Krupp, Stahlindustrie und rauchende Schornsteine assoziierte.

Mit der Übernahme der AEG Kanis-Fläche durch die Stadt Essen am 1. Mai 1992 setzte die Diskussion um die zukünftige Nutzung des Areals und die Suche nach Nutzungsperspektiven für die betroffenen Industriedenkmäler ein. Zwischenzeitlich hatte die Hamburger Stella GmbH, welche bereits an mehreren anderen Standorten Musicalproduktionen spielte, durch eine Zufallsverbindung von der „VIII. Mechanischen Werkstatt“ erfahren und bekundete großes Interesse, hier ein weiteres Musical spielen zu wollen. Eine Studie kam zu dem Schluss, dass in die „VIII. Mechanische Werkstatt“ ein Musicaltheater mit rund 1500 Plätzen eingebaut werden könne. Als Partner für den Umbau der Halle zum Theater konnte Stella die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) NRW GmbH gewinnen.

Das Colosseum Theater in der „VIII. Mechanischen Werkstatt“

Der Umbau der „VIII. Mechanischen Werkstatt“ zum Musical-Theater begann im August 1995. Der Entwurf des Theaters stammt von den Architekten Kohl und Kohl, Duisburg/Essen. Trotz der Umwidmung wurde das historische Erbe bewahrt – noch heute sind die ursprüngliche Stahlkonstruktion und das verglaste Dach in ihrem Originalzustand sichtbar und schaffen eine besondere Atmosphäre. Der Zuschauerraum wurde als eigenständiger Baukörper integriert, auch hier blieb die Stahlkonstruktion aus der Jahrhundertwende weiterhin für das Publikum sichtbar. Eingehängte Emporen umgeben das 25 Meter hohe Foyer. Aus einem von Essener Medien und Stella ausgerufenen Namenswettbewerb für das neugestaltete Theater ging der Namensvorschlag Colosseum hervor, der an ein gleichnamiges Varieté erinnern soll. Angelehnt an die Erlebnisgastronomie von Hard-Rock-Café und Planet Hollywood ließ Stella im Foyer mit dem Backstage das erste Musical-Themenrestaurant errichten.

Das 25 m hohe Foyer des Colosseum Theaters ist von eingehängten Emporen umgeben.

Eine zweite, ebenfalls unter Denkmalschutz stehende Industriehalle, unmittelbar neben dem Musical-Theater gelegen, die 1912 unter dem pragmatischen Titel „Halle 5/7“ als neue Werkstatt der Krupp-Werke eingeweiht wurde, ist 2002/2003 aufwändig saniert und als WeststadtHalle mit einer 1.200 qm bedruckten Glasfassade eingekleidet worden. Das historische Ambiente der Industriehalle mit dem Stahlstrebwerk im Inneren wurde weitgehend erhalten. Neben den Probe- und Veranstaltungsräumen für die Folkwang Musikschule – eine kommunale Einrichtung, die Kindern und Jugendlichen Musikunterricht erteilt – hat die WeststadtHalle einen Veranstaltungssaal für etwa 600 Zuschauer bekommen, in welchem die in Berlin mit großem Erfolg laufende Las Vegas-Show „Stars in Concert“ produziert wurde. Auch diese Show gehört in Essen längst der Vergangenheit an.

Eine moderne Glasfassade ummantelt die WeststadtHalle.

Aber zurück zum Colosseum Theater: Die feierliche Eröffnung fand am 13. Dezember 1996 mit der Premiere von „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat” statt. Als Joseph konnte man den bereits aus der ARD-Serie „Marienhof” bekannten Andreas Bieber gewinnen, Kristin Hölck war in der Rolle der Erzählerin zu sehen. In dieser Zeit wurde auch der Begriff „Broadway an der Ruhr“ geprägt, konnte man doch mit „Les Misérables“ im Theater am Marientor in Duisburg, „Starlight Express“ in der Starlighthalle in Bochum und eben „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat” im Colosseum Theater Essen auf drei En-suite Produktionen in Städten an der Ruhr verweisen. „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat” wurde genau 3 Jahre in Essen gezeigt, am 12. Dezember 1999 wurde das Publikum das letzte Mal wie vom Traum verführt.

Als Nachfolgeproduktion setzte die zu dem Zeitpunkt bereits angeschlagene Stella GmbH erstmals auf wechselnde Produktionen mit kurzer Laufzeit statt der bislang üblichen Long-Runner. Und so zeigte man ab dem 14. Januar 2000 die britische Tournee-Produktion der Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ in der Neuinszenierung von Gale Edwards, mit William Byrne als Jesus und Hazel Fernandes als Maria Magdalena. Ursprünglich war die Produktion bis zum 2. Juli 2000 geplant, aber ausgerechnet am Ostersonntag, 23. April 2000 fand Jesus im Colosseum Theater das letzte Mal am Kreuz den Tod.

Aus den Turbulenzen um die Hamburger Unternehmensgruppe Stella ging das Theater schadlos hervor, handelt es sich doch um ein sehr ungewöhnliches Theater mit dem besonderen Charme einer Industriekathedrale. Das Theater wurde durch die aus Holland stammende Stage Holding übernommen. Nach dem erneuten aufwändigen Umbau (u.a. wurde das Backstage zugunsten eines vornehmeren Ambientes aus dem Foyer entfernt) wurde das Haus am 23. März 2001 mit der Deutschlandpremiere von „Elisabeth“ wiedereröffnet. Für die Rollen der Elisabeth und des Todes wurde die Wiener Premierenbesetzung Pia Douwes und Uwe Kröger engagiert. Diese dem Vernehmen nach erfolgreiche Produktion verabschiedete sich nach etwa 2 Jahren am 29. Juni 2003 aus dem Colosseum Theater.

Pia Douwes als Elisabeth, Uwe Kröger als Tod, © Stage Entertainment

Nach etwa dreimonatiger Umbauphase zog am 5. Oktober 2003 die nubische Prinzessin Aida in der Musicalfassung von Elton John in das Colosseum Theater ein. In der Inszenierung von Robert Falls spielte Florence Kasumba bei der Premiere die Rolle der Aida, Maricel Wölk war als Prinzessin Amneris und Mathias Edenborn als ägyptischer Feldherr Radames zu sehen. Ab Oktober 2004 spielte Judith Lefeber, die durch das Erfolgsformat Deutschland sucht den Superstar bekannt geworden war, die Hauptrolle der Aida. Nach knapp zwei Jahren wurden Aida und Radames am 22. Juli 2005 das letzte Mal gemeinsam in einer Grabkammer im Colosseum Theater begraben.

Judith Lefeber als Aida, Berhard Forcher als Radames,
© Stage Entertainment


Ab dem 29. September 2005 spukten nacheinander mit Thomas Borchert, Uwe Kröger, Ethan Freeman und Ian Jon Bourg gleich vier Stars in Andrew Lloyd-Webber’s „Das Phantom der Oper“ in der ersten Spielzeit durch die Katakomben des Colosseum Theaters. Bei der Premiere verkörperte Anne Görner die Rolle der Christine Daaé, Nikolay Alexander Brucker war in der Rolle des Raoul zu sehen. In der darauffolgenden Spielzeit schmachtete mit Christian Alexander Müller das bis dahin jüngste Phantom seine Christine an, bevor am 10. März 2007 Raoul zum letzten Mal in Essen Christine für sich gewinnen konnte.

Thomas Borchert als Phantom, Anne Görner als Christine,
© Stage Entertainment


Nach so viel Dramatik zog am 6. Mai 2007 mit „Mamma Mia!” das bis dahin bereits in Hamburg und Stuttgart erfolgreich gezeigte Jukebox-Musical um eine Braut, ihre Mutter und drei mögliche Väter in das Colosseum Theater ein. Lone van Roosendaal war am Premierenabend als Donna zu sehen, und Romina Langenhan als Sophie. Am 19. Oktober 2007 hat mit Anna Montanaro eine Künstlerin die Rolle der Donna übernommen, die bereits am Broadway in der Rolle der Velma Kelly im Musical „Chicago“ zu sehen war. Ungeachtet dessen gingen aber am 27. Juli 2008 für die Dancing Queen in Essen alle Lichter aus.

Melanie Wiegmann als Tanja, Anna Montanaro als Donna, Stephanie Tschöppe als Rosie, © Stage Entertainment

Am 5. Oktober 2008 ging mit der Premiere von „Ich will Spaß! – Das Musical“ die erste Eigenproduktion der Stage Entertainment mit 24 Songs der Neuen Deutschen Welle im Colosseum Theater über die Bühne. Dieser Produktion war jedoch augenscheinlich kein großer Erfolg beschieden, der Zauber von Rubik’s Cube (Anm.: Das Bühnenbild bestand aus einem überdimensionalen Zauberwürfel.) hat das Publikum wohl doch nicht wie erhofft verzaubert. So verabschiedete sich „Ich will Spaß!“ bereits am 26. Juli 2009 als Essens bis dahin kürzeste Long-Run Produktion wieder aus dem Colosseum Theater.

Hauptdarsteller und Ensemble, © Stage Entertainment

Viele Fans hofften auf eine wirklich große Produktion als Nachfolger, und so war man sehr verwundert, als auf einer Pressekonferenz auf der ITB in Berlin am 12. März 2009 bekannt gegeben wurde, dass ab dem 8. Oktober 2009 Buddy Holly in das Colosseum Theater einziehen wird. Drei Tage vor der Premiere verletzte sich Dominik Hees am Knie, so dass Matthias Bollwerk in der Neuinszenierung von Stephanie Mohr am Premierenabend als Buddy Holly auf der Bühne stand.

Matthias Bollwerk als Buddy Holly, © Stage Entertainment

Noch im selben Monat, am 22. Oktober 2009 wurde der zweite Bauabschnitt des Einkaufszentrums Limbecker Platz seiner Bestimmung übergeben, und so schloss sich eine der größten Baugruben neueren Datums in der Essener Innenstadt. Im Kreisverkehr zwischen dem Colosseum Theater und dem Einkaufszentrum Limbecker Platz wurde Anfang Dezember 2009 eine sechs Meter hohe und 500 kg schwere Statue der Rock ’n’ Roll-Legende Buddy Holly aufgestellt, die fortan gut sichtbar auf das aktuell im Colosseum Theater aufgeführte Musical hinweist.

Buddy Holly-Statue auf dem Berliner Platz

9. Januar 2010: Auf dem UNESCO Welterbe Zeche Zollverein findet bei eisigen Temperaturen und Schneetreiben als Open-Air Veranstaltung unter Anwesenheit von José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission und Bundespräsident Horst Köhler der Festakt zur Eröffnung der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 statt. ARD und ZDF übertragen den Festakt in einer Direktübertragung. Ganz Deutschland blickt nach Essen …

10. Februar 2010: Die Stage Entertainment gibt bekannt, nach dem Ende der vorgesehenen Spielzeit von „BUDDY – Das Buddy Holly Musical“ im Essener Colosseum Theater in kein weiteres neues Musical investieren zu wollen. „Wir haben es in den vergangenen Jahren leider nicht geschafft, den Spielbetrieb in Essen profitabel zu gestalten“, begründet Stage Entertainment Deutschland Geschäftsführer Johannes Mock-O’Hara die Planung. Und so steht sie nun also da, die überdimensionale Buddy Holly-Statue auf dem Berliner Platz, als wolle sie uns sagen „That’ll be the day“ … der Tag, als das Musical in der „Kulturhauptstadt Europas 2010“ starb …